Ich glaube, genau darin liegt die Schwierigkeit:
Man würde seinem jüngeren Ich vermutlich vieles erklären wollen — aber ob man wirklich darauf gehört hätte, ist eine ganz andere Frage.
Gerade in den Momenten, in denen man einsam, unsicher oder auf der Suche nach Halt ist, wirken manche Menschen oder Chancen stärker als jede Warnung. Vielleicht sogar stärker als die eigene Vernunft. Manche Erfahrungen muss man leider selbst machen, bevor man sie wirklich versteht.
Und trotzdem fand ich den Gedanken spannend, ob man bestimmte Dinge verhindern würde, wenn man könnte. Verrat, toxische Beziehungen oder Entscheidungen, die einen tief geprägt haben. Wahrscheinlich würden viele spontan „Ja“ sagen.
Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr frage ich mich etwas anderes:
Wäre ich ohne manche falschen Wege überhaupt derselbe Mensch geworden?
Nicht jeder Schmerz macht stärker und manches hätte niemand gebraucht. Aber einige Erfahrungen verändern den Blick auf Menschen, Freiheit, Ruhe oder das eigene Leben so grundlegend, dass man sie später kaum noch sauber aus der eigenen Geschichte herauslösen kann.
Vielleicht liegt Frieden mit der Vergangenheit nicht darin, alles gutzufinden. Sondern irgendwann aufzuhören, ständig mit ihr verhandeln zu wollen. Und vielleicht ist genau deshalb die Gegenwart das Wertvollste daran: Der einzige Ort, an dem wir tatsächlich noch etwas verändern können.
Herzlichen Dank für Deine wertvollen Gedanken❣️
Auf so manchen Rat der Eltern oder Großeltern hat man vielleicht nicht gehört und sich danach eingestehen müssen, dass sie Recht hatten und warum. Aber konnten sie die Warnungen verständlich genug transportieren? Konnte man es nur nicht glauben, weil man selbst schon groß war und es die "fremden" Ansichten waren? Ich denke wenn man sich erkennt, älter, reifer aber nachweißlich man selbst, der einem sagt so wird es enden und du wirst lange brauchen dich davon zu erholen..... das könnte eine andere Wirkung haben. Man selbst kann sich da abholen wo man gerade steht.
Verrat könnte man wahrscheinlich einfacher verhindern, als toxische Beziehungen, denn dafür braucht es die Erkenntnis und die Heilung, was bei psychischem missbrauch extrem schwierig sein dürfte, weil er sehr getarnt daherkommt. Man darf sich dann auch fragen warum die beispielsweise misshandelte Frau, die es ins Frauenhaus geschafft hat, wieder zu ihrem Täter geht, obwohl ihr Körper noch die Wunden zeigt, sie erfahrene Ratgeber hat und schon an dem Punkt war, dass das der falsche Partner ist. Muss sie es durch Schmerz lernen, denn in der Gegenwart kann man sie nicht zwingen fern zu bleiben, jedoch in der Vergangenheit könnte sie es selbst verhindern.
Der trockene Alkoholiker könnte zurück zu der Zeit, wo er den Alkohol begann zu gerne zu mögen und von dem Kampf in Entzugskliniken reden, dem verlorenen Führerschein und den neuen "Freunden" auf der Straße, sowie den Körperlichen Schäden.
Die Frage bleibt was wäre sinnvoll, wenn es machbar wäre? Ist es wie mit dem Kleinkind das versucht die eckige Form in die runde Aussparung des Spielzeugs zu stecken, obwohl man ihm sagt und zeigt, dass das nicht geht und es dies mittlerweile eigentlich auch weiß. Und würde das Kind es lernen, wenn man es ihm nicht zeigt, sondern dieses Spielzeug nur im Kinderzimmer steht. Bunt und schön, aber ohne Anleitung. Wie lange würde es dann dauern?
Dauernde Verhandlungen und hadern können eher nicht zu Frieden führen. Den Frieden sollte man suchen und stiften und das auf alle Fälle in der Gegenwart.
Das mit dem „sich selbst dort abholen, wo man gerade steht“ finde ich tatsächlich einen der spannendsten Gedanken daran. Vielleicht würde man seinem zukünftigen Ich wirklich eher zuhören als Eltern, Lehrern oder anderen Menschen, weil keine fremde Autorität spricht, sondern man selbst.
Und trotzdem frage ich mich, ob selbst das immer reichen würde.
Viele Menschen wissen ja oft bereits, dass ihnen etwas nicht guttut und gehen den Weg trotzdem weiter. Nicht unbedingt aus Unvernunft, sondern weil Hoffnung, Einsamkeit, Liebe oder Sehnsucht manchmal stärker sind als Erkenntnis. Gerade bei toxischen Beziehungen oder Sucht sieht man das oft sehr deutlich.
Vielleicht liegt genau darin auch etwas sehr Menschliches: Dass Wissen und tatsächliches Verstehen nicht immer gleichzeitig entstehen.
Manche Dinge begreift man erst, wenn man sie emotional durchlebt hat. So schmerzhaft das manchmal auch ist.
Dein letzter Satz gefällt mir deshalb wahrscheinlich am besten. Frieden entsteht vermutlich wirklich eher in der Gegenwart als in endlosen Verhandlungen mit der Vergangenheit.
Ich behaupte, dass bei toxischen Beziehungen keine echte Liebe im Spiel ist, auch wenn das Opfer seine Sehnsucht nach dem anderen als solche empfindet. Der toxische Part hat ein Traumaband erzeugt mit unterschiedlichen Methoden. Das geht bis hin zu biochemischen Veränderungen im Gehirn. Es läuft meist so subtil ab, dass es nicht bemerkt wird. Auch nicht vom Umfeld, das sogar von manchen Tätern mit eingebunden wird. Es ist keine Unvernunft, sondern eher Machtlosigkeit und das Wissen, dass das Gegenüber sich falsch verhält währt oft nur kurz bis das Traumaband stärker wirkt. In etwa vergleichbar mit einer Droge. Viele Abhängige wissen, dass es nicht gut ist und dass sie ohne besser dran sind, aber ohne zu sein ist für sie nicht vorstellbar.
Da sind wir dann bei dem selbst, das zurück reist und sich dieses Wissen vermittelt, vollumfänglich, um es zu verstehen. Wie handeln toxische Menschen und wie nahe sollte man sie an sich ran lassen. Das kann man auch in der Gegenwart anwenden und anderen helfen, es zu begreifen. Falls sie es annehmen können, denn man verbiegt damit quasi die Nadel Stück für Stück.
Bei einem Job dürfte das einfacher sein das damalige Ich zu überzeugen, denn da kann man aufdecken, dass z.B. der Chef ein Betrüger ist, der nicht zahlen wird, wenn man finanziell in Vorleistung geht.
Ich glaube, dass am Anfang oft echte Gefühle im Spiel waren. Vielleicht nicht immer auf beiden Seiten gleich tief oder gesund, aber für den, der darin steckt, fühlt es sich zunächst oft sehr real an. Gerade deshalb sind toxische Beziehungen wahrscheinlich auch so schwer zu erkennen. Sie beginnen selten offensichtlich zerstörerisch. Häufig entsteht zuerst Nähe, Vertrauen oder das Gefühl, endlich verstanden zu werden. Erst später verschieben sich Grenzen langsam und beinahe unmerklich. Zumindest habe ich es so bei einer Bekannten erlebt, wo es selbst für uns außenstehende lange gedauert hat, bis wir es gesehen haben.
Ich finde den Vergleich mit einer Sucht gar nicht unpassend. Nicht weil Liebe selbst eine Droge wäre, sondern weil emotionale Abhängigkeit irgendwann stärker werden kann als die eigene Klarheit. Und vielleicht zeigt das auch, warum Wissen allein oft nicht genügt. Viele verstehen rational längst, dass ihnen etwas schadet und schaffen den emotionalen Schritt trotzdem nicht sofort. (Kenne ich z.B. aus dem Job. Manchmal muss man jemanden, obwohl es für beide Seiten offensichtlich wurde, durch Kündigung zu seinem Glück helfen.)
Genau deshalb finde ich Deinen Gedanken interessant, dieses Wissen nicht nur oberflächlich zu vermitteln, sondern wirklich verständlich zu machen. Vielleicht könnte man damit tatsächlich manche Wege früher erkennen — sowohl bei Beziehungen als auch bei anderen Entscheidungen im Leben.
Das hast Du sehr gut beschrieben.
Wenn ich mir die Geschichte derer, bei denen ich das mitbekommen habe anschaue, dann lag der psychische Missbrauch schon in der Kindheit. Das Kind musste immer etwas tun, um positive Reaktionen zu bekommen. Aber Liebe kann man sich nicht erarbeiten, dennoch wurde es leider so erlernt. Es ist tief verankert, dass man sich anstrengen muss, um gemocht zu werden. Also ist es wie nach Hause kommen und das auch bei dem neuen Partner zu tun, weil es aus Erfahrung so ist. Anfangs zeigt dieser sich ja auch anders, als er in Wirklichkeit ist. Ein meist perfides subtiles Spiel, dass der Betroffene nur schwer erkennen kann. Es entsteht eine Abhängigkeit, dass die Opfer glauben es nicht zu überleben, wenn er geht und auch das wird wieder genutzt. Im Gegenzug kann es auch passieren, dass derjenige Kandidat abgelehnt wird der echte Liebe zeigt, denn das kennen diese Menschen nicht. Es dürfte sich falsch und erdrückend anfühlen, weil es ja nicht sein kann ohne Bemühung Liebe zu bekommen. Nicht immer nicht alle, aber in meinen Beobachtungen schon.
Gehe ich recht in der Annahme, dass nicht der toxische Mitarbeiter seinen Job verloren hat?
In diesem Fall war es der toxische Mitarbeiter, der seinen Job verloren hat. Er war zwar schon länger im Unternehmen, aber in dem Moment, als er plötzlich mit einem Cuttermesser vor der anderen Person stand, war klar, dass eine Grenze überschritten wurde, bei der es keinen Interpretationsspielraum mehr geben durfte.
Was Du über die erlernten Muster aus der Kindheit schreibst, finde ich dabei sehr nachvollziehbar. Gerade dieses Gefühl, sich Zuneigung oder Anerkennung ständig verdienen zu müssen, scheint viele spätere Beziehungen stark zu beeinflussen. Vielleicht erkennt man deshalb manche Warnzeichen nicht sofort, weil einem das emotionale Grundgefühl bereits vertraut vorkommt.
Und genau das macht solche Dynamiken wahrscheinlich so schwer greifbar — sowohl für die Betroffenen selbst als auch für das Umfeld. Von außen wirken viele Dinge oft eindeutig, während sie sich von innen völlig anders anfühlen.
Dann hat es ja den richtigen Getroffen, aber in der Situation gibt es wirklich keinen Interpretationsspielraum. Bei Mobbing sieht das leider oft anders aus. Die Opfer gehen dann und klagen nicht, weil sie froh sind weg zu sein. Zumal Mobbing schwer nachweisbar ist.
Dazu kommt meist noch ein ein niedriges Selbstwertgefühl, was die Taten und Aussagen des Gegenübers als richtig erscheinen lassen - zumal das ja auch oft behauptet wird. Das Opfer war ja nie richtig so wie es war und angeblich zumeist unzulänglich. Eigene Leistungen und Besonderheiten wurden so lange klein und minderwertig geredet, bis es sich selbst über eigene Erfolge/Können nicht mehr wirklich freuen kann.
Ja so ist das. Das Umfeld müsste geschult sein, um es zu erkennen bzw. empathisch beobachten können. Ich kenne einen Fall, da hat er sie auch öffentlich abgewertet, oft im Rahmen des Humors auf ihre Kosten. Man hätte sie nur anschauen müssen, um es zu erkennen, dass sie das verletzt. Es kam auch vor, dass sie am Tisch geweint hat aufgrund seiner Aussagen, aber es wurde geduldet. Sie sagte mir: er ist halt so, keiner ist perfekt und es gibt auch schöne Seiten in der Beziehung. Während das Umfeld das Bild des hilfsbereiten Saubermannes hat, der nur das Beste will und die dann Dinge sagen, wie: Du bist auch nicht einfach.
Dann ist da noch die große "falsche" Hoffnung beim Opfer, dass alles wieder wird wie am Anfang, wenn man sich nur mehr anstrengt.