Geldrätsel bilanztechnisch gelöst

in #deutsch9 months ago

Liebe Steemitgemeinde,
Liebe Freiheitsfreunde,
Liebe Freiheitsfeinde,
Liebe Geldfreunde,
Liebe Geldkritiker,

vor einigen Monaten wurde folgende Geschichte als Video unter einem meiner Kommentare gepostet:

Ein deutscher Tourist kommt in ein griechisches Dorf und würde gern dort übernachten. Er geht in die lokale Pension und bittet den Chef, sich mal die Zimmer angucken zu dürfen. Der Chef gibt ihm mehrere Schlüssel, als Pfand bzw. Sicherheit legt der Tourist 100 Euro auf den Tresen und geht nach oben.

Der Pensionsvermieter nimmt die 100 Euro und geht damit zum Bäcker, wo er seine Schulden bezahlt.

Der Bäcker freut sich über das Geld, nimmt die 100 Euro, läuft zum Fleischer und bezahlt dort seine Schulden.

Der Fleischer, der gern mal am Glas nippt, geht mit den 100 Euro ins Wirtshaus und bezahlt seinen Deckel.

Der Wirt nimmt die 100 Euro, geht um den Tresen herum und gibt das Geld der Dorfhure, die ihm in schlechten Zeiten mal einen "Gefallen" getan hatte.

Die Nutte nimmt die 100 Euro, läuft zur Pension, wo sie ab und zu mal ein Zimmer für ihre "Dienste" gemietet hatte und zahlt dem Pensionswirt ihre 100 Euro Schulden zurück.

In dem Moment kommt der Tourist die Treppe herunter, gibt dem Pensionschef die Schlüssel zurück, sagt ihm, er hat es sich überlegt, nimmt die 100 Euro Pfand zurück und geht.

Die Moral von der Geschichte: Es wurde nichts produziert, es wurde nichts geleistet, aber alle sind ihre Schulden los und machen weiter wie bisher...

Diese Geschichte wurde scheinbar während der Eurokrise überall im Internet verbreitet und als Beweis genommen, dass mit unserem Geldsystem etwas nicht stimmen kann.

Ich sage, diese Geschichte zeigt wunderbar, wie ein Geldsystem auch ohne Banken funktionieren kann.
Außerdem zeigt es auch, dass Geld immer Gut und Schuld zugleich ist.

Schauen wir uns das Ganze im Einzelnen an:

Die Moral von der Geschichte: Es wurde nichts produziert, es wurde nichts geleistet, aber alle sind ihre Schulden los und machen weiter wie bisher...

Dieser Satz ist natürlich völliger Unsinn.
Natürlich wurde produziert und geleistet.
Jeder hat eine mit 100€ bewertete Leistung erbracht und jeder hat eine mit 100€ bewertete Gegenleistung erhalten.

Der Schlüssel, um das Rätsel zu verstehen ist, dass man als erstes den Touristen und sein Geld vergessen muss.
Er ist eigentlich gar nicht notwendig, aber dazu später mehr.

Betrachten wir die Bilanzen der einzelnen Akteure.

Die Bilanzen:

Bilanz Pensionsvermieter.001.jpeg

Bilanz Bäcker.001.jpeg

Bilanz Fleischer.001.jpeg

Bilanz Wirt.001.jpeg

Bilanz Nutte.001.jpeg

Wir haben es in diesem Beispiel mit einem geschlossenen Wirtschaftskreislauf zu tun.
Wie ihr sehen könnt ist die Bilanz eines jeden Akteurs ausgeglichen.
Saldiert man die Forderungen und die Guthaben eines jeden Einzelnen miteinander, ergibt sich die Summe Null.

Das Einzige was noch fehlt ist, dass die einzelnen Forderungen und Schulden miteinander verrechnet werden.
Es fehlt also eine Clearingstelle oder die Vergegenständlichung der Gut-/Schuldscheine.

Der Tourist:

Der Tourist oder besser gesagt der Geldschein des Touristen übernimmt nun diese Clearingfunktion.
Der Geldschein ist eine Vergegenständlichung eines Gutes/einer Schuld, der von allen akzeptiert wird.

Man hätte genauso einen privaten Wechsel verwenden können, der von Hand zu Hand geht und auf dem jeder unterschreibt.

Oder wenn man es etwas moderner und blockchainbasiert hätte haben wollen, hätte man auch die App von Sikoba verwenden können.
Ganz ohne Bank, ganz ohne Geld und ohne sich zu bewegen.

Bis bald,
Stephan Haller

Sort:  

Wunderbarer Beitrag ich bin nicht immer ein Freund deiner Ausführungen, aber diesmal hast du es besser als mit vielen umhüllenden Sätzen erklärt -ein Bild sagt mehr als tausend Worte- gilt immer und überall.
Die meisten Menschen verstehen Bildhafte Darstellungen und Erklärungen viel einfacher als komplexe wirtschaftliche Abhandlungen ;)

Alles richtig gemacht, weiter viel Erfolg...

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"Außerdem zeigt es auch, dass Geld immer Gut und Schuld zugleich ist."

  • Nein, das Beispiel zeigt, dass in diesem geschlossenen Wirtschaftskreislauf keiner ein Vermögen hat und kein Geld vorhanden ist. Die Akteure sind in einem prämonetären Wirtschaftssystem. Sie machen sich gegenseitig Versprechen (die komischerweise in Euro nominiert sind).

In diesem Beispiel entspricht die Summe aller Forderungen der Summe aller Verbindlichkeiten, so wie in unserem Geldsystem die Summe aller Guthaben der Summe aller Schulden entspricht.
In welchem Wertmaß man diese Verbindlichkeiten/Forderungen ausdrückt ist im Prinzip egal, so lange alle wissen damit umzugehen.
Außerdem ist entscheidend , das der Übertrag einer Forderung schuldbefreiend wirkt.

"In welchem Wertmaß man diese Verbindlichkeiten/Forderungen ausdrückt ist im Prinzip egal, so lange alle wissen damit umzugehen."

  • Das sehe ich auch so.

"so wie in unserem Geldsystem die Summe aller Guthaben der Summe aller Schulden entspricht."

  • Ich nehme an Du verwendest bewusst das Wort "Guthaben", was ja per Definition Forderungen umfasst und damit Schulden gegenübersteht. Ich habe das Wort Vermögen verwendet. Und in diesem Beispiel hat keiner ein Vermögen. Niemand hat ein Vermögen, mit dem er etwas kaufen könnte, ohne Schulden aufzunehmen.

Vermögen im Sinne von Geldvermögen hat in dem Beispiel nur der Tourist.
Aber auch diese Banknote stellt eine Schuld im System dar.
Schließlich muss die Bank, die sich die Banknote von der EZB geliehen hat, diese wieder zurückgeben (oder eine andere). So lange diese Banknote nicht wieder bei der EZB landet und die Seriennummer aus dem System gelöscht ist, ist sie als Schuld verbucht.