Persönlichkeitsbildung? Wo? In der Schule? Und unsere Kinder? Als Kollektiv? Fortsetzung!!!

in #deutsch5 months ago

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Heute möchte ich die angekündigte Fortsetzung zu
https://hive.blog/deutsch/@zeitgedanken/666r72-persoenlichkeitsbildung-wo-in-der-schule-und-unsere-kinder-als-kollektiv
vorstellen, und fahre auch ohne weitere Einleitungen fort. Die heutige Fortsetzung ist daher ohne den Artikel im Link unvollständig.

Fortsetzung.

Der Lehrplan ist ein Programm für Zwangskonsum. Das Lehrplanlernen ist - vielleicht nicht so sehr an den Primärschulen, auf jeden Fall aber an den Sekundar- und Hochschulen - nichts anderes als das Abfüllen der Köpfe mittels des „Nürnberger Trichters“. Mit solchem Abfüllvorgang muss sich arrangieren, wer schulisch nicht „total daneben“ liegen will. Die Lehrpläne beanspruchen, das zu liefern, was das Beste für die Lernenden ist. Was aber das Beste ist, das entscheiden die psychologisch geschulten

„Feldgeistlichen der Manipulation“ (Reinhard Sprenger, 2013)

Das Trichterlernen ist darauf aus, den Lernenden von seinem Selbstlernplan wegzuziehen und einem Fremdlehrplan zu unterwerfen. Deshalb funktioniert schulische Bildung nur dort - vielleicht sogar optimal -, wo zwischen Lehrstoffsender (Lehrer) und Lehrstoffempfänger (Schüler) ein Konsens darüber besteht, dass der „Stoff“ nur irgendwie ins Hirn muss, und zwar bis zum Tag X, an dem er abgefragt wird. Danach darf sich das Hirn des „Stoffs“ wieder entledigen. Das geschieht dann auch recht schnell, wie viele einschlägige Tests beweisen.

„Aufgedrängtes Wissen haftet nicht“ (Walther Borgius, Nachdruck 1981).

Es ist durchaus vorstellbar, dass sich jemand, aus welchen Gründen auch immer, einem solchen Prozedere feiwillig unterwirft. Die angehenden Juristen z. B. tun dies anlässlich ihrer Examensvorbereitungen mittels Repetitor ganz bewusst und unbefangen. Sie haben kein Problem damit, weil es ihr freier Entschluss ist, sich unter das ihnen vom Repetitor dargebotene Curriculum zu knechten.

Überhaupt ist zu betonen, dass Pläne in Gestalt von Curricula durchaus Sinn machen können. Jedes Wissensgebiet hat ein solches Curriculum - mehr oder weniger intelligent abgefasst in seinen einführenden Lehrbüchern. Darin ist das aktuelle Wissen eines Fachgebiets für den Lernenden, der in das Fachgebiet eindringen will, in überschaubarer Anordnung zusammengetragen. Am Lernenden ist es nun, sich dieser Anordnung zu unterwerfen und sich in das dargebotene Curriculum einzuarbeiten. Für einen Lernerfolg ist dabei aber der freie Entschluss(!) erforderlich (dazu mehr in späteren Artikeln).

Kommen wir zurück zum Lernen an der „allgemeinbildenden“ Schule. Beim schulischen Lernen ist jeder Lerngruppe im Zeittakt der Unterrichtsstunden je eine Lehrperson zugeteilt. Eine freie Auswahl der Lehrenden ist den Lernenden unmöglich. Den Schülern ist dadurch verwehrt, sich derjenigen Lehrperson dauerhaft anzuschließen, von der sie sich den größten Lerngewinn versprechen und zu der sie das größte Vertrauen haben. Der vorbestimmte stündliche Wechsel des Lehrpersonals in Verbindung mit dem Gruppenunterricht in knapp bemessenen Zeitabschnitten behindert die kontinuierliche interpersonelle Kommunikation.

Weil die Lehrenden sowohl für die Vermittlung der Lehrplaninhalte als auch für die dazu erforderliche motivationale Einstimmung zuständig sind, ist der Lernende darauf angewiesen, sich mit seinem Lernen an deren Duktus auszurichten. Verweigert er sich diesem, fällt er früher oder später aus dem System - mit nicht gerade angenehmen Folgen.

„Tatsächlich ist Lernen diejenige menschliche Tätigkeit, die am wenigsten der Manipulation durch andere bedarf. Das meiste Lernen ist nicht das Ergebnis von Unterweisung. Es ist vielmehr das Ergebnis unbehinderter Interaktion in sinnvoller Umgebung. Die meisten Menschen lernen am besten, wenn sie ‚dabei´ sind“ (Ivan Illich, 2003).

Apropos Motivation: dass die Lernenden für die zu vermittelnden Unterrichtsinhalte eine eigene Motivation entwickeln könnten, ist im Lehrplan nicht vorgesehen. Schön, wenn es sie trotzdem gibt. Beabsichtigt ist sie aber nicht. Beabsichtigt ist, dass die Lehrer zum Lernen motivieren - dem lehrplanmäßigen Fortgang des Unterrichts gemäß.

„Die Motivation der Schüler gilt als eine der wichtigsten Aufgaben des Lehrers. Diese Einschätzung wirft ein Licht darauf… wie wenig die Lernmethoden und Lerninhalte der Schule der kindlichen Lebenswelt angemessen sind, welch ein Widerstand auf Seiten der Kinder gegen die Schule und ihre Forderungen bestehen. Die Bildungseinrichtungen gehen von vorneherein davon aus, dass ihre Lernangebote… keinerlei Interesse wecken. Die Lehrer müssen sich daher allerlei Tricks ausdenken, um die Neugier der Kinder zu wecken, um sie bei der Stange zu halten“ (Herrmann Rosemann, a. a. O.).

Dass es einer künstlichen Motivierung für die Lehrplaninhalte bedarf, charakterisiert das Lernen an Schulen im Kern.

Für die Motivationsaktivitäten der Lehrer wird für jedes Schulfach ein umfangreiches Arsenal von Aufreißern bereit gehalten und ständig neu aufgefüllt. Dabei steht den Lehrern die Psychologie als intellektuelle Einbläserin zur Seite. Ist das Arsenal dann doch eines Tages erschöpft, bleibt nur noch der Lehrer selbst als Motivator. Der muss dann eine ganze Schulklasse bei Laune halten, die oft nichts anderes ist als eine Bande von Gelangweilten in Zuschauer- und Zuhörerpose. Der Lehrer wird zum Showmaster, und zwar oft sechs Stunden am Tag, eine glatte Überforderung für einen mit normaler Nervenkraft ausgestatteten Menschen. Die Folge ist:

„Die Lehrer bilden die Berufsgruppe mit den deutlichsten Erschöpfungsmerkmalen“ (Hartmut von Hentig, 2006).

Zum Vergleich: Ein TV-Showmaster muss sein Publikum maximal zwei Stunden fesseln. Dann darf er sich wieder für eine Woche zurückziehen. Ein personell reich bestücktes Team bereitet inzwischen seinen 2-Stunden-Auftritt für die nächste Woche vor.

  • Verwundert es nun noch jemanden, der bislang die einschlägigen Insider-Beobachtungen über den Gesundheitszustand des schulischen Lehrpersonals ungläubig zur Kenntnis genommen hatte? (s. dazu Ursula Rogg, 2009)

Die in jedem gesunden Menschen normalerweise angelegte, also natürliche, von innen her entstehende („intrinsische“) Lernmotivation verkümmert an den Schulen. Und damit verkümmert auch die Lust am eigentlichen Lernen. Die Metaphysik des Aristoteles beginnt mit dem Satz:

„Alle Menschen streben von Natur aus nach Erkenntnis.“

Diese Einsicht scheint seit Jahrhunderten verloren gegangen zu sein, jedenfalls bei den Fürsprechern des schulischen Lernens.
Infolge der nur gemachten, von außen her bewirkt („extrinsischen“) Lernmotivation wird das natürliche Streben nach Erkenntnis, aber auch das natürliche Streben nach einem stimmigen, realitätsbezogenen Verhaltensstil unterdrückt. Ein kritischer Philosoph und gelernter Schulmeister brachte es schon im Jahre 1842 auf den Punkt:

„Ihr armen Wesen, die Ihr so glücklich leben könntet, wenn Ihr nach Eurem Sinne Sprünge machen dürftet, Ihr sollt nach der Pfeife der Schulmeister und Bärenfänger tanzen, um Kunststücke zu machen, zu denen Ihr selbst Euch nimmermehr gebrauchen würdet“ (Max Stirner; Orthographie nach M. S.).

Die eigenen Freuden und Nöte als Lernanstoß werden entwertet zugunsten künstlich geschaffener „Motivationsketten“. Hinzu kommt:

„Viele Schüler schöpfen ihren Antrieb zu lernen aus der Angst vor Strafen, schlechten Zensuren und den Vorhaltungen der Eltern und Lehrer. Sie lernen weniger aus der ‚Hoffnung auf Erfolg’ als aus ‚Furcht vor Misserfolg’, aus Angst vor dem Versagen.“ (Hermann Rosemann, a. a. O.)

Eigenschöpferisch, d. h. aus eigenem Antrieb heraus passiert kaum etwas an Schulen und wenn doch, dann nicht im Sinne der im Plan vorgesehenen Abläufe.

Die Abhängigkeit vom vorbestimmten Lernduktus vergrößert sich zusätzlich dadurch, dass auf den verschiedenen Teilstrecken des Lernwegs der Lernerfolg beim Lernenden „getestet“ (d. h. abgefragt) wird und das Ergebnis mittels eines schultypischen Benotungssystems bewertet wird. Das Benotungswesen bewirkt, das man sich an Schulen möglichst nicht als Lernender zeigt, sondern immer nur als Könnender. Hier verhalten sich nur die rational, die hemmungslos betrügen.

„Nur Dumme mogeln nicht“, schreibt die Schwäbische Zeitung (13.9.1997).

Sie zitiert die Untersuchungsergebnisse der Duisburger Psychologin Eva-Maria Pegels:

„Auch wenn Mogeln unmoralisch ist, wird es in Kauf genommen, da sein Wert in Form von Vorteilen die moralischen Bedenken in den Hintergrund stellt.“ - „Es zählt nicht der Lernprozess, der einer Leistung zugrunde liegt, sondern das Produkt, das abgeliefert wird“, durch welche „Tricks“ auch immer es zustande kommt.

Der Betrug wird zur erfolgsversprechenden Daseinstechnik im Schulleben. Kann man sich eine bessere Vorbereitung auf ein Leben in unserer heutigen Gesellschaft vorstellen?

Das Benotungssystem schafft eine Bewertungssituation, die später fast nur noch auf den Karrierewegstrecken des Staatsdienstes und vielleicht noch einiger Großkonzerne vorkommt. Die dadurch beabsichtigte „Vorbereitung aufs Leben“ heißt, sich auf Plus- und Minuspunkte verteilende Beurteilungspersonen einstellen. Und das sind solche, die aufgrund ihres Ausbildungsganges, der Form ihrer Berufsausübung und ihrer Existenzweise der gewöhnlichen Lebenswelt weit entrückt sind.

„Die Benotung lügt und verbiegt und verdirbt, was sie zu erreichen behauptet: Leistung und Gerechtigkeit.“ (Hartmut von Hentig, 2003)

„Das Zeugniswesen ist eine Art von Marktmanipulation und erscheint nur einem verschulten Geist einleuchtend“ (Ivan Illich, a. a. O.; s. auch Hubertus von Schoenebeck, 1980).

Die Schulwelt züchtet, nicht zuletzt durch ihr Zensurenwesen, eine für das normalbürgerliche Leben völlig irrelevante Qualifikation. Außerdem verschüttet das zeittaktgerechte Eintrichtern von Lerninhalten nach Lehrplänen in Verbindung mit einer völlig entfremdeten („extrinsischen“) Motivation das Lernen aus sich selbst heraus. Die Lust am selbstbestimmten Lernen wird im Keim erstickt. Außerdem: Das schulische Zensurenwesen verhindert die Bereitschaft zum offenen Eingeständnis der individuellen Schwächen, die dann erst „im richtigen Leben“ - oft viel zu spät - zutage treten.

Beim natürlichen und freien ichgesteuerten Lernen gibt es niemals dumme Fragen, zuweilen vielleicht dumme Antworten. Das Lehrplan-Lernen setzt das dumme Fragen geradezu voraus! Ein Lehrmeister war ursprünglich dazu da, bei Bedarf befragt zu werden und möglichst so zu antworten, dass er immer tiefer gehende Fragen anregt. In der Schule hat sich seine Rolle umgekehrt: Er selbst wird zum Frager. Er muss die orthodoxen Meinungen, die er propagiert und vermittelt, abfragen, anstatt das Forschen und Erkennen der Lernenden anzuregen. Das Lernen von sinn- bzw. ichbezogenem Wissen wird ersetzt durch benotungsrelevanten Lernstofferwerb.

Das Ergebnis solchen Erwerbs kann sich sehen lassen. Während man sich veranlasst sieht, an einer Heidelberger Schule das Schulfach „Glück“ einführen zu müssen, vermeldet der Zentralverband des Deutschen Handwerks, dass über hunderttausend Schulabgänger pro Jahr nicht ausbildungsreif sind. Weitere Hunderttausend sind dies nur sehr bedingt.

Jan Edel (2007) verzeichnet

rund 4 Millionen „funktionale Analphabeten“ allein in Deutschland.

Ein weiterer - „sekundärer Analphabetismus“ - findet sich bei 6 bis 10-Millionen Deutschen (Bertrand Stern, 2006).

Michael Winterhoff spricht von

„extremen Mängeln bei der Beherrschung der grundlegenden Kulturtechniken“. Es fehlen elementarste Alltagskenntnisse. Eine neuere Studie ergab: nur 15% der Schüler (1253 Probanden aus 6. und 9. Klassen) konnten höchstens drei im Wald wachsende Früchte nennen. Nur 33% wissen, dass die Sonne im Osten aufgeht. Nur 19% wissen, dass Hühner pro Tag nur ein Ei legen. (Natur 12/16; natursoziologie.de).

Kreativität und Schaffensfreude sterben, wo der Eigenimpuls der Bevormundung zu weichen hat. „Das Ergebnis sieht dann so aus, dass die Kinder lesen lernen, aber nicht lesen, dass sie rechnen lernen und Mathematik hassen, dass sie im Klassenzimmer abschalten und ihr Lernpensum in Umkleideräumen, Schlupfwinkeln und auf der Straße erledigen.“ Noch nicht einmal Berufs- und Gewerbeschulen liefern das, was man vernünftigerweise als Qualifikation bezeichnen könnte.

,,Berufs- und Gewerbeschulen… besitzen einen viel geringeren Bildungswert als Schrottplätze und Autofriedhöfe.“ (Everett Reimer, 1972).

Im Zeitalter der TV- und computerbestückten Kinderzimmer findet Lernen vorwiegend vor den Bildschirmen statt, was einen verantwortlichen und freisinnigen Pädagogen auch nicht gerade begeistert. Aber dieses Lernen findet zumindest aufgrund von Freiwilligkeit statt.

Dass die Schule dennoch ihren Wert habe, von diesem Dogma ließen sich die Leute noch nicht einmal nach Bekanntwerden der PISA-Studie abbringen. Diese offenbarte,

dass beinahe jeder vierte 15-jährige Deutsche kaum rechnen kann wie bereits ein Grundschüler rechnen können sollte und simpelste Lesetexte gerade mal so versteht (Hartmut von Hentig, 2006).

Wohlgemerkt, diese Menschen sind in einem Alter, in dem sie bald selber schon Kinder zeugen könnten.

In diesem Zusammenhang sollte nicht unerwähnt bleiben,

dass jeder durchschnittlich Begabte die Schreib- und Lesekunst auch ohne Schule in drei Monaten erlernt, und zwar über das Niveau der Bildzeitung hinaus (Johannes Beck, 1994, André Stern, 2013).

Möglich, dass eine besonders authentische Schullehrerin oder ein besonders mitreißender Schullehrer die Herzen der Schüler zu gewinnen vermag. Aber die Schüler glauben selber längst nicht mehr an das Heil der „Bildung“, das die Schule ihnen angedeihen lässt. Eher verfallen viele von ihnen einer stillen Verzweiflung, wenn ihnen bewusst wird, was mit ihnen an Schulen geschieht. Wenn es hochkommt, sehen sie in der Schule eine Institution, in der man sich Chancen für begehrte Berufe erschachern kann, und das auch nur, wenn man sich die Skrupellosigkeit und Anpassungsbereitschaft anzüchtet, die nötig ist, um in einer Bildungsanstalt zu bestehen, die den Charakter einer Lernfabrik mit integrierter Sortieranlage hat.

„Durch Schulung ist allgemeine Bildung nicht erreichbar… Der Widersinn der Schulen ist evident. Vermehrte Aufwendungen steigern ihre destruktive Wirkung…Überall auf der Welt steigen die Kosten für die Erziehung…schneller als die Produktivität der… Wirtschaft, und immer weniger Menschen haben das Gefühl einer intelligenten Teilnahme am gemeinsamen Ganzen“ (Ivan Illich, 2003).

Inzwischen ist die allgemeine Hilflosigkeit diesem Phänomen gegenüber sprichwörtlich.

„Schulen nehmen den Kindern, was sie anfangs noch als gesunden Menschenverstand besessen haben…In einem sehr hohen Grad ist die Schule ein Ort, an dem Kinder lernen, dumm zu sein. Ein niederdrückender Gedanke, aber nur zu wahr…Sogar jüngere Schüler…merken, dass es…nicht um wirkliches Wissen und Verständnis geht, sondern nur um den Anschein davon…, dass hier in der Hauptsache sinnlose Verfahren angewandt werden, um sinnlose Antworten auf sinnlose Fragen zu produzieren“ (John Holt, 2004).

Schule gibt nicht, sondern nimmt Leben.
Diese Erkenntnisse lassen sich übertragen auf das Lernen an Hochschulen. Dies bestätigt eine Erhebung des Allensbachinstituts für Demoskopie:

Das Lernen erfolgt auch hier im Wesentlichen nach der Nürnberger-Trichter-Methode. Infolge dessen ist zu beobachten, „dass die Studenten kaum selbständiges Denken mehr ausbilden“ (Deutsche Universitäts-Zeitung 1/17).

Der „Bologna-Prozess“, der hier eigentlich eine Verbesserung bringen sollte, sei

„krachend gescheitert“.

In der Schule ist das Lernen, sei es dem Lerninhalt, dem Zeittakt oder dem Ort nach, bis ins Detail vororganisiert und vorgeplant. Das Individuum kann nicht nach eigenem Impuls lernen, d. h. wann, wo und wie es will. Die individuellen Lernbedürfnisse und Lernimpulse der Lernenden werden in der lehrplanhörigen Schulwelt ganz und gar außer Acht gelassen. Das schulische Lernen ist ein gut kaschiertes Kerker-Lernen.

„Erst unsere moderne Gesellschaft hat den Anspruch erhoben, dass das Einsperren von Menschen in Käfigen ihren Charakter und ihr Verhalten günstig beeinflusse“ (Ivan Illich, 2003).

„Es ist in der Tat fast ein Wunder, dass die modernen Methoden der Ausbildung die heilige Neugier des Forschens noch nicht völlig erstickt haben; denn diese zarte kleine Pflanze bedarf - neben dem Ansporn - hauptsächlich der Freiheit; ohne diese geht sie ohne jeden Zweifel zugrunde“ (Albert Einstein nach Carl Rogers, 1979).

Mit Blick auf den Schulunterricht stellt Johannes Beck die provokante Frage:

„Meint jemand tatsächlich, dass die Menschen in der Region am klügsten und am höchsten gebildet sind, wo der Nachwuchs die meisten Schulstunden und Prüfungen absolvieren musste?“ (1994)

Durch Anerkenntnis der Unterrichtsusancen und des allgemein verbindlichen Prüfungswesens der öffentlichen Schulen haben sich auch die sogenannten „freien“ Schulen direkt oder indirekt dem verordneten Lernzwang unterworfen. Denn die produzieren nichts anderes als

„eine Fata Morgana der Freiheit, auch wenn die Anwesenheit der Schüler durch lange Bummelphasen unterbrochen wird“ (Ivan Illich, a. a. O.).

Auch an den „freien“ Schulen lässt sich nachweisen, was Immanuel Kant in Erinnerung an seine eigene Schulzeit „Jugendsklaverei“ genannt hatte.

Der „normale“ Schüler der allgemeinbildenden Schule ist halbwegs angepasst. Er schlurft morgens mit schwer bepacktem Ranzen mehr oder weniger lustlos zur Haltestelle eines öffentlichen Verkehrsmittels. Von dort aus wird er in Richtung Schule gekarrt. Im Klassenraum angelangt, harrt er mehr mies gelaunt als erwartungsvoll der Dinge, die da auf ihn zukommen. Freude bereitet ihm jede Form der Ablenkung, jede Tollpatschigkeit des Lehrers oder seiner Mitschüler. Nach solchen erfreulichen Ereignissen sinkt er wieder still und hoffnungslos in sich zusammen. Aus der Dumpfheit des Schulalltags erwacht er in der Regel nur, wenn etwas Unerwartetes geschieht, etwas, dass mit Unterricht und Lernen nichts zu tun hat. Voller Hoffnung blickt er auf`s nächste Wochenende, wo zumindest die Aussicht besteht, dass etwas Neues und Interessantes auf ihn zukommt, selbst wenn es nur eine Party mit hipper Musik, wenig Bewegung und viel Alkohol ist.
Was Wunder, wenn wir im Schulunterricht nicht so sehr den Typ des interessierten und fleißigen Lerners vorfinden, sondern eher den verschwiegenen Verweigerer, der sich so gut es eben geht an den Ansprüchen der Schule vorbeischleicht und vorbeimogelt und der froh ist, nach Schulschluss wieder mit seiner Spielkonsole beschäftigt sein zu können. Die Heranwachsenden entwickeln sich auch in Europa immer mehr in Richtung

Hikkikomori.

So nennt man in Japan jene menschlichen Wesen, die nur noch auf ihrem Zimmer leben, und glücklich sind, wenn TV und Internet funktionieren und wenn der Kühlschrank gefüllt ist.
Neben den Verweigerern, Duckmäusern und Muckern gibt es natürlich auch die Überflieger der Schulwelt, die mit voller Aufmerksamkeit dabei sind, stets die Benotung und die Zeugnisse im Blick. (Was bezeugen eigentlich „Zeugnisse“?) Man will sich ja durch die Schule seine Berufskarriere als künftiger Zahnarzt oder Staranwalt nicht vermasseln lassen. Die Schule bietet die unterschiedlichsten Möglichkeiten, sich sein Seelenleben verformen zu lassen.

Bis zu den nächsten Gedankengängen
noch einen schönen Sonntag