Persönlichkeitsbildung? Wo? Was ist eine „freie Persönlichkeitsbildung?

in #deutsch2 months ago

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Was ist eigentlich eine „freie Persönlichkeitsbildung“ und welcher Mittel und Möglichkeiten bedarf es um diese entwickeln zu können?

„Ich muss nichts werden und brauche nichts zu bleiben“ -

ein seltsamer Aphorismus. Er schallt uns Heutigen aus so großer Ferne entgegen, dass wir ihn kaum hören können. Und wenn wir ihn hören, befremdet er uns. Sein Sinn erschließt sich erst, wenn wir ihm unsere volle Aufmerksamkeit schenken.

„Ich muss nichts werden“,

d. h. niemand drängt mich, etwas anderes zu werden als das, was ich nunmehr bin. Es ist mir geradezu freigestellt, ob ich überhaupt jemals etwas werden will. Das Muss in dem Aphorismus bezieht sich auf „nichts“ und ist insofern umfassend. Das schließt nicht aus, dass ich etwas werde, und zwar über das hinaus, was ich jetzt bin. In dem Aphorismus heißt es nämlich weiter:

„Ich brauche nichts zu bleiben“,

d. h. niemand drängt mich, das zu bleiben, was ich jetzt bin. Mit anderen Worten, ich kann und darf auch etwas anderes werden. Es ist mir sogar freigestellt, alles das zu werden, was ich will und kann, denn auch das Brauchen im Aphorismus steht zusammen mit dem Wort „nichts“. Es umfasst alle Möglichkeiten.

Offensichtlich geht es in dem Aphorismus um die Persönlichkeitsbildung des Menschen. Und nicht nur das, es geht auch und vor allem um die Freiheit im Bildungsprozess, und zwar ausdrücklich um die Freiheit des dort angesprochenen Ich. Das Hauptaugenmerk der folgenden Erörterungen und Analysen soll genau auf diesen Aspekt gerichtet sein: den Aspekt der Freiheit bei der individuellen Persönlichkeitsbildung.

Wenn ich in Folgendem von Freiheit handle, geht es nicht bloß um so etwas wie „Gedankenfreiheit“. Die Gedanken sind eh frei. Es geht um die Freiheit des Ich in seinem Handeln und Reden.
Der Aphorismus sagt keine Interaktion aus, weder zwischen einem Ich und einem Du, noch zwischen einem Ich und den Dingen. Er richtet sich allein auf das Individuum und auf dessen Werden. Solches Werden findet aber stets in der Natur und in der Gesellschaft mit anderen Individuen statt. Seinen eigentlichen Sinn erhält der auf das „nackte“ Ich gerichtete Aphorismus erst, wenn das Ich als auf die Natur und die Mitmenschen bezogen gesehen wird.

Bei Erwachsenen mag eine Lebensgemeinschaft, insbesondere in Form einer Ehe oder einer beruflichen Arbeitsgemeinschaft die beste Erziehungs- und Bildungsstätte sein. Aber darüber reden wir hier nicht. Hier geht es um die Persönlichkeitsbildung von Heranwachsenden, von Kindern und Jugendlichen. Von alters her nennt man Aktivitäten zur Bildung der Heranwachsenden Pädagogik.

Pädagogik zielt auf Änderung der Weltsicht, der Einstellung, des Handelns und Redens. Sie begleitet den Weg dorthin, deshalb das altgriechische Wort „paidagogos“.

„Das einzige Kriterium der Pädagogik ist und bleibt allein die Freiheit“, schreibt der Dichter Leo Tolstoi (zitiert nach Ulrich Klemm, 2004).

Als russischer Landadliger unterrichtete er die Kinder der ihm untergebenen Bauern. Ähnlich äußert sich Max Stirner, der zeitweise auch als Lehrer tätig war. Es erscheint daher wie selbstverständlich, dass das Thema „Persönlichkeitsbildung in Freiheit“ im Denken beider Männer einen breiten Raum einnahm.

Viele ansonsten recht wache Geister unserer Zeit mögen weder Stirner noch Tolstoi großen Respekt erweisen, dem einen nicht, weil er so radikal obrigkeitsfeindlich war, dem anderen nicht, weil er sich - nicht minder obrigkeitsfeindlich - so rückhaltlos auf das (Ur-) Christentum berief. Unbestritten dürfte sein, dass das Denken beider Männer bis an die Wurzeln der menschlichen Existenz vordrang, auf welch unterschiedlichen Wegen auch immer. Nun haben sich weder Tolstoi noch Stirner zu einer schlüssigen Theorie und zu einem entsprechenden Organisationskonzept für die freie Bildung durchringen können. Das haben in der Folge dann Andere getan.

Der Gedanke, unsere Kinder in echter Freiheit aufwachsen zu lassen, erscheint Vielen als befremdlich. Eine Bildung ohne die Fiktion, die Kinder müssten wie Spalierobst nach einem vorgefertigten Plan herangezogen werden, am Ende einem wie auch immer definierten „Menschenbild“ entsprechen, kommt uns irgendwie exotisch vor. Nach dem immer offensichtlicher werdenden Scheitern solcher Pädagogik wird es Zeit, sich anders gerichtete Gedanken über das Aufwachsen von Menschen zu machen.

Angesichts der abenteuerlichen Freiheitsvergessenheit im derzeitigen Bildungsbetrieb (Sieh vorherige Artikel) ist es ratsam, sich zunächst einmal Klarheit über den Freiheitsbegriff zu verschaffen (im Folgenden: weiter unten). Die Leser sollten sich hierbei nicht abschrecken lassen durch die dafür notwendigen metatheoretischen Erörterungen. Ich habe mich bei der Darstellung bemüht, von nachvollziehbaren Beobachtungen auszugehen.

Als Nächstes ist zu untersuchen, ob, in welcher Form und in welchem Umfang Freiheit in die Persönlichkeitsbildung einbezogen werden kann (dazu mehr in späteren Artikeln). Dann möchte ich Organisationskonzepte zur Persönlichkeitsbildung vorstellen, die in ihren Grundzügen schon vor Jahrzehnten von weitsichtigen Theoretikern ausgearbeitet wurden, ohne dass sie in der Öffentlichkeit sonderlich Anklang gefunden hätten (auch dazu folgen weitere Artikel).

Bei Fragen zum interpersonalen Umgang im Bildungsprozess sind Antworten schnell bei der Hand. Wer jedoch ernsthaft um Antworten ringt, bemerkt bald: er muss an die Wurzeln zwischenmenschlicher Existenz heran. Und die sind nirgendwo besser zu finden als im Reich der Emotionen. Den Exkurs über freie Persönlichkeitsbildung schließe ich nicht ab, ohne auch auf die emotionalen Komponenten dieses Prozesses einzugehen (auch dazu in späteren Artikeln mehr)

Zuerst widme ich mich dem Individuum und dessen Freiheit

Der Ort der Freiheit ist das Ich und nicht etwa „die“ Gesellschaft oder sonst irgendein Etwas. Ob das Ich seine Freiheit nun lebt oder nicht, zumindest ist es freiheitsbegabt. Darüber herrscht Konsens. Welche Daseinsweise hat aber dieses Ich im Vergleich zu anderen Daseinsweisen dieser Welt? Wie lässt sich diese Daseinsweise begrifflich fassen? Wie kommt hier Freiheit ins Spiel?

Manche Leser könnten vielleicht bei der Kenntnisnahme der gleich darauf zu gegebenen Antworten die für sie überraschende Entdeckung machen, dass sich ihr Sein nicht nur auf einer Ebene abspielt. Allerdings führt der Gang hin zu dieser Entdeckung über ein Terrain, das unwegsam ist.

Was meine ich eigentlich, wenn ich im Alltag ständig sage „ich, ich, ich“? Meint dieses Ich meinen Körper, dessen Organe, meine Gedanken und Gefühle, meine Tätigkeiten, meinen Charakter? Einerseits wohl ja, andererseits aber auch: nein. Wie steht es z. B. mit der Redewendung „Ich will“? Verbirgt sich hinter diesem Wollen mein Körper, meine Organe, meine Gefühle, meine Gedanken, mein Charakter? Solches Fragen verlangt Aufklärung, bevor an das Thema „Persönlichkeitsbildung in Freiheit“ herangegangen werden kann. Freiheit bezieht sich nicht nur schlicht auf unsere Lebensentfaltung, sondern zwingt uns auch in die Verantwortung für unser Handeln.

Da bedarf es „die zwei Seiten des Ich“ tiefer zu betrachten

Das Ich ist den aufwachsenden Menschen zunächst völlig unbekannt. Wenn sie im Kleinkindalter über ihr Tun sprechen, sagen sie anstelle von „ich“ ihren Namen: Erna spielt, Egon rennt, Maria weint usw. Irgendwann beginnen sie zu sagen: Ich spiele, ich renne, ich weine. Und sie lernen vor allem zu sagen: ich will und ich will nicht. Wir beobachten: Jetzt bezieht das Kind die Geschehnisse ausdrücklich auf sich als seinem ureigensten Ich. Vielleicht erlebt es sich schon vorher als Quell seiner Spontaneitäten.

Aber mit dem Ich-sagen kommt dieses Erlebnis zur Sprache und wird damit (symbolisch!) vergegenständlicht (In diesen Abschnitten behelfe ich mich der Erkenntnistheorie meines Mentors und Freundes Dr. Dietrich Eckardt).

Das Kind erlebt das Ich als sein eigenstes. Aber es erfährt auch, dass es etwas hat, was die Menschen in seiner Umgebung gleichfalls haben. Denn es beobachtet: auch die anderen sagen stets „ich, ich, ich…“. Alle haben dieses Ich offenbar gemeinsam. Und dennoch meinen sie allein sich selbst, wenn sie immerfort „ich“ sagen.
Aufgrund der Beobachtungen der Entwicklung von Kindern wissen wir: Das kindliche Ich-Sagen geschieht ganz und gar unreflektiert, und zwar in einer Weise, die mit einer bewussten Ich-Habe nichts zu tun hat. Es basiert auf einem diffusen Ich-Erleben. Mag sein, dass diese Diffusität sich bei vielen Menschen über ihr ganzes Leben hin durchhält.

Mit fortschreitender Geistesentwicklung kommt zu Bewusstsein, dass das Ich wohl zweimal da sein muss: einmal als wahrnehmbare Sache (Körper, Gefühle, Charakter usw.) und zum anderen als ein Etwas, über das zwar unser unüberhörbares Ich-Sagen Kunde gibt, das wir aber vorstellungsmäßig nicht erfassen können.
Das ist ein durchaus erstaunlicher Sachverhalt. Immanuel Kant, der diesbezüglich als unser hilfreichster Gesprächspartner gelten kann, hat diesen Sachverhalt auf den Punkt gebracht. Er unterscheidet die beiden Aspekte des Ich-Bewusstseins zum ersten Mal in aller Klarheit. Er war es auch, der dafür die beiden Begriffe „empirisches“ (erfahrbares) Ich und „intelligibles“ („reines“, nicht erfahrbares) Ich in die Theoriediskussion einbrachte. Das „intelligible“ Ich ist eigentlich gemeint, wenn wir ständig sagen: ich, ich, ich (ich tue, ich sage, ich vermeide) und uns dezidiert als Ich, gewissermaßen als Ich-Person, und nicht als Ich-Habitus (Leib) meinen. Wenn ich im Folgenden von Ich spreche, meine ich stets das „intelligible“ Ich, die Person.

Wie ist diese eigenartige Dualität beim Ich näherhin zu verstehen?

Das Ich als Spontanzentrum unseres Lebens ist wohl Inhalt einer Erlebnis- und Bewusstseinsform, nicht aber Gegenstand einer Erkenntnisform (im naturwissenschaftlichen Sinne). Nach Kant ist es „eine gänzlich leere Vorstellung… von der man nicht einmal sagen kann, dass sie ein Begriff sei, sondern ein bloßes Bewusstsein.“ Das Ich ist ein physisches Nichts. Wenn überhaupt, dann ist es nicht-physisch. Im Ich-Sagen dokumentiert sich eine Seinsweise, die außerhalb unserer Erkenntnis- aber nicht außerhalb unserer Erlebnissphäre liegt. Das Ich entbehrt nicht der Erlebbarkeit und Wahrheit.

Der Dualismus beim Ich ist wegen seiner schweren Erfassbarkeit Vielen fremd. Aber die Analyse des Beobachtbaren offenbart ihn.

Die neueste medizinische, insbesondere neurologische Forschung schenkt ihm wieder mehr Aufmerksamkeit (SPIEGEL, 21/2013),

wo er dort schon vergessen zu sein schien.

Beide Aspekte des Ich, der physische (Ich-Leib; habitus) und der nichtphysische (reiner Geist; persona), gehören untrennbar zusammen. Sie sind geradezu eins: nur verschiedene Erlebnisweisen ein und desselben Ich. Der Mensch kann aufgefasst werden als ein Etwas, dass sich denkend seiner selbst, d. h. seiner physischen und seiner nichtphysischen Seite vergewissern kann. Dieser Unterschied im Ich ist keine theoretische Erfindung, sondern kann durchaus real erlebt werden. Unseren Bezug zum Ich, sei dieser auch noch so un- oder vorbewusst (wie bei Kindern), dokumentieren wir im Ich-Sagen. Wir sind von allen Lebewesen das einzige, was „ich“ sagen kann. Dieses Können erhebt uns über das sonstige Dasein in dieser Welt.

Der Mensch kann aufgefasst werden als jenes Lebewesen, dass sich doppelt erlebt: als ein sowohl materiell als auch nichtmateriell (rein geistig) Existierendes. Es ist lediglich eine Frage meines persönlichen Entwicklungsstands, wann und wie ich lerne, diese Unterscheidung an mir in voller Klarheit vorzunehmen. Dabei wird das indifferente, vorbewusste Ich-Erleben, das sich beim Menschen als Ich-Sagen schon sehr früh bemerkbar macht, in ein bewusstes verwandelt. Zugleich wird der Unterschied der beiden Ich-Aspekte ans Licht gebracht. Für das Verständnis dessen, was Freiheit ist, ist er unabdingbar. Mit dem Aufweis der Dualität beim Ich haben wir uns in die Lage versetzt, den für unsere Erörterungen zentralen Freiheitsbegriff genauer zu fassen.

In den nächsten Artikeln schauen wir uns diesen Freiheitsbegriff genauer an.

Bis dahin euch allen ein schönes Wochenende,

Euer Zeitgedanken.

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Lasset uns den Menschen machen. Es giibt ein Ich und ein Du in ihm (Gn 1.26) - die Väter fanden es ebenso in den Psalmen.

Der Begriff der Person als Bezogenheit und Verschiedenheit zu erfassen - selber zu erkennen - ist die Basis aller Zuwendung.

Das Ego als intelligibles Ich und der Altruismus als jene Form der Zuwendung des Ich dem verschieden - dem Nichtgleichen - scheint mir ein wichtiger Aspekt der Menschwerdung zu sein.


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