Dienstag – Auf-die Straße-gehen (ein Selbstversuch).

in Deutsch D-A-CH3 months ago

Ein Plan B und dessen unerwarteten Nebenwirkungen.


Zuerst auf der Straße und dann vor Gericht.

Die Lunte zu diesem Beitrag legte @stehaller mit seinem Rückblick auf Erlebnisse auf dem Asphalt, was wir ja seit letzter Woche mit Auf-die Straße-gehen umschreiben.

Es war Anfang Juni, der Kopf bereits im Landeanflug auf den anstehenden Jahresurlaub, als mir die Meldung auf den Tisch flatterte, dass ein Landrat im nördlichen Saarland, zum Anlass der Sommersonnenwende am 21. Juni, keinen gewichtigen Grund dazu sah, einen beantragten Aufmarsch mit anschließendem Konvoi und allem Tamtam der NPD zu untersagen. Welche Gedankengänge des, wohl mit Gedächtnisschwund behafteten, leitenden Angestellten dazu bewogen, das braune Treiben nicht abzublasen, verriet er mir auf meine Nachfrage. „Was in ganz Skandinavien gefeiert wird, kann ich wohl schlecht hier verbieten.“
Ein dankbares Beispiel für das beinahe schon gemeingefährliche Gebaren innerhalb der Parteien, wenn alt altgedienter Haudegen mit beginnender Demenz nirgendwo mehr unterzubringen sind, aber die Pensionsgrenze noch nicht erreicht hat. Ein Landratsposten tut sich immer auf.
Mein Versuch, ihn auf eine kleine Verwechslung hinzuweisen, der er möglicherweise zum Opfer gefallen war, indem ich den kleinen, aber feinen Unterschied zwischen einer Feier zur Sommersonnenwende und den Feierlichkeiten zu Mittsommer ins Gespräch brachte, wurde kurzerhand ignoriert. Die Reaktion ließ dementsprechend nicht lange auf sich warten. „Das ist doch alles dasselbe.“
Manche Telefonate enden abrupter, als man es sich wenige Augenblicke vorher hätte vorstellen können.

Für mich stand jedenfalls fest, dass ich meine Nase auf jeden Fall bei der Veranstaltung in der ersten Reihe platzieren musste. Was folgte, waren drei weitere Telefonate. Die Pressestelle der Polizei bestätigte den Eingang des geplanten Aufmarsches, was gleichzusetzen ist mit Schlagstock polieren und Helme auf Vordermann bringen. Der zweite Anruf erreichte den Gewerkschaftsbund, während das dritte mit dem Juso-Landesvorsitzenden geführt wurde.
Damit waren die Weichen für ein Aufeinandertreffen von verschiedensten Menschen mit noch verschiedeneren gesellschaftspolitischer Ansichten gestellt.

Der besagte Tag ließ sich am Horizont blicken und ich war bereit. Meine Ausrüstung: ein Beutel Tabak, Blättchen, Feuerzeug und ein paar Geldscheine in der Jeansjacke. Nie einen Geldbeutel mit all den Dokumenten zu einem Event schleppen, bei dem es zu Umarmungen der heftigen Art kommen könnte. Keine Kamera, kein Aufnahmegerät – noch nicht einmal Papier und Schreiber. Wolfram war ganz privat unterwegs.
An dem öffentlichen Platz, auf dem die Liebhaber der heidnischen Bräuche sich treffen sollten, empfing uns ein Polizeiaufgebot, dass man den Eindruck hätte gewinnen können, der amerikanische Präsident träfe in jedem Moment ein. Einem der Organisatoren der Gegendemo bot sich die Möglichkeit zum Informationsaustausch mit einem der Häuptlinge unter den Uniformierten. Heraus kam, das Pack der Ewiggestrigen habe den Plan B in Anspruch genommen und träfe sich an einer ganz anderen Stelle. Wo? Ganz geheim!

Nazi-Demo in Spandau: Gegendemonstranten verhindern Neonazi-Aufmarsch |  Augsburger Allgemeine

Was nun? Selbstverständlich keine Gegendemo ohne die Hampelmänner, die unbedingt ihre vorgefertigten Reden unters Volk bringen möchten. Doch, keine Nazis, kein Gerangel – aber dafür langweilige Reden. Das war nicht mehr meine Veranstaltung und außerdem kam es mir doch höchst ungewöhnlich vor, wieso (wenn schon Plan B) wir dennoch von einer solch hohen Anzahl von Polizisten umringt waren? Die braune Brut musste ihr Nest ganz in der Nähe haben.

Im kleinen Kreis beschlossen wir den Rückzug einzuleiten, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Wo klappt das am besten? Bei einem frisch gezapften Bier in der nächsten Kneipe.
Da das mit dem geplanten Vorgehen sich oft hinziehen kann, blieben wir einfach sitzen und bestellten noch eine Runde Pils. Kaum an der Schaumkrone genippt, drang von außen erhöhter Verkehrslärm zu uns durch. Ein Blick aus dem Fenster genügte. Der Konvoi hatte sich auf den Weg zum Platz der Sommersonnenwendfeier aufgemacht. Es folgte der sofortige Aufbruch und schon hatten wir uns in einer Reihe auf dem Bürgersteig platziert. Ein paar unserer Parolen mussten wir schließlich loswerden. Nicht fehlen darf der Stinkefinger und das Nazis-raus-Plakat. Kaum auf Betriebstemperatur scherte plötzlich eine Mercedes-Limousine aus der Schlange und fuhr schnurgerade auf uns zu. Erst im letzten Moment zog er den Wagen wieder in Richtung Mitte. Für mich der ideale Augenblick, um dem Volldeppen ein Autogramm von mir zu hinterlassen. Mein rechter Sportschuh traf genau auf den hinteren Kotflügel.

Es dauerte keine 30 Sekunden und vier Nazis (2 weiblich, 2 männlich) und drei Polizisten machten mir gegenüber ihre Aufwartung. Da ich ja keine Dokumente bei mir trug, hätte ich den federführenden Polizisten mit Daten versorgen können, die sich als so unbrauchbar erwiesen hätten, wie der Stiel im Eis, wenn das Eis schon längst gegessen ist. Aber, meiner Ehrlichkeit geschuldet, sah ich von der Möglichkeit ab. Außerdem waren am Auto weder Lack noch Blech in Mitleidenschaft gezogen worden.

richter-gericht-hammer - Marsad Tunisia

Es gingen keine drei Wochen ins Land, da flatterte mir ein Brief von einem Saarbrücker Anwalt auf den Tisch, dem auch die Rechnung einer Mercedes-Werkstatt beilag. Kein Foto vom Schaden vor und nach der Reparatur. Logische Konsequenz – dem Rechtsanwalt meines Vertrauens einen Besuch abzustatten.
Es kam der Tag, da trafen wir uns alle (meine Kumpels von der Demo und die Nazis) im Sitzungssaal des Amtsgerichts wieder. Richtig interessant wurde es aber erst, als die Richterin die Anklage vorlas und die geladenen Zeugen auf die üblichen Pflichten hinwies. Da waren es dann urplötzlich keine 4, sondern 5 Nazis, die mich um eine hübsche Summe Geld erleichtern wollten.
Kurios dabei, dass ich Nr. 5 kannte. Jedoch nicht vom Geschehen nah am Bürgersteig, sondern von einer Recherche zu einem Artikel über die lukrative Schwarzarbeit.
Die Verhandlung war nach fünf Minuten beendet und der enttarnte Schwarzarbeiter im braunen Gewand verließ in Begleitung seiner treuen, aber leider auch saudummen Kameraden das Gerichtsgebäude.
So etwas kannst du nur erleben, wenn du auch mal auf der Straße warst.
Zu Hause passiert doch eh nichts!

Heute muss es etwas Süßes sein!

Apfelstrudel mit allerlei Klimbim

Es soll ja diese Tage geben, an denen das Verlangen nach etwas Süßem auf der Zunge, im Kopf einfach nicht auszulöschen zu sein scheint. Exakt ein solcher Tag biss sich letztlich an mir fest.
Um das lästige Monster zu besänftigen, schlug ich vor, einen klassischen Apfelstrudel zuzubereiten, an dem wir uns beide laben könnten.
In der nachfolgenden Bilderserie erkennt ihr die Entstehung des Objektes der Begierde.

Der Teig ist in seiner Herstellung an Einfachheit nicht zu übertreffen. Mehl (Typ 650), eine Prise Salz, kalt gepresstes Sonnenblumenöl oder (wie bei mir) Olivenöl) und lauwarmes Wasser werden zu einem geschmeidigen Teig verarbeitet, der abgedeckt (möglichst an einem warmen Ort) mindestens eine halbe Stunde ruhen sollte.
Anschließend lässt sich der geschmeidige Teig auf einem leicht bemehlten Tuch gut hauchdünn ausziehen. (Die genaue Vorgehensweise könnt ihr im Internet tausendfach begutachten.)
Auf den ausgezogenen Teig verteile ich die grob gehobelten Äpfel, die ich mit Zimt-Zucker und Walnüssen angereichert hatte, auf dem Teig.
Nehme anschließend das obere Ende des Tuches und rolle das Ganze zu einem Strudel. Den „überflüssigen“ Teig (da ohne Apfelfüllung) platziere ich neben den Strudel auf das Backpapier.
Weggeworfen wird hier nichts!
Bei 180° Umlauft backe ich den Strudel 30 Minuten aus.

Mit ein paar frischen Himbeeren, einigen Minzblättern, etwas Zimt und etwas Crème fraîche garniert, sieht das Resultat dann so aus.

Guten Appetit!

… den kenne ich doch von irgendwo her? Der Tausendsassa im großen Becken der Kultur.

Hans-Holger Friedrich – alias Friedrich Liechtenstein

Den heutigen Dienstag nehme ich nun zum Anlass, einen Mann vorzustellen, den möglicherweise viele von euch schon mal an beliebiger Stelle gesehen haben, aber nicht recht wissen, was mit dem Typen anzufangen.
Grund genug, da mal nachzuhaken.
Fest steht jedenfalls, dass Friedrich Liechtenstein nirgendwo so richtig einzuordnen ist – außer in der weiterbildenden Kunst. Und genau dort gehört er hin und kommt er her.

Puppenspieler, Schauspieler, Theaterregisseur (Volksbühne), Elektro-Popper, Mitinitiator vom Bremer Radio-Projekt und Schriftsteller. Damit nicht genug. Dann legt er mit dem Album Bad Gastein ein Projekt hin, das nirgendwo so richtig einzuordnen ist.
Als Tüpfelchen auf dem i, präsentiert er EDEKA ein Werbekonzept, welches nicht nur erfolgreich, sondern auch das Gesicht von Friedrich Liechtenstein über viele Landesgrenzen hinweg bekannt machen sollte.

Bleibt munter und gesund bis zum nächsten Dienstag, wenn der Gemischtwarenladen wieder seine Pforten öffnet.

Sort:  

Doch, keine Nazis, kein Gerangel – aber dafür langweilige Reden. Das war nicht mehr meine Veranstaltung ...

Meine auch nicht, deshalb schaue ich doch lieber mal nach was woanders so los ist.
Sieh da, dort wird wenigstens gesungen. 😀😎

So soll es sein! Frei nach der Devise: Hier geht der Punk ab! 😎
Brave Jungs begeben sich übrigens um 22:00 Uhr in die Horizontale und führen intellektuelle Selbstgespräche - bis sie vollkommen gelangweilt einschlafen.😴

Heute gibt es das Upvote leider nur mit *, wegen Defiziten in Fach Staatsbürgerkunde.

Zudem hab ich im Leben noch kein 650er Weizenmehl gesehen. 550 gibts, ist aber eher für Brot als für Kuchen gedacht.

Und der "Supergeil" Typ... na ja, ist halt Werbung, da wundert man sich eh über nichts mehr. Und ansonsten, wird das wohl Kunst sein. Ich find auch Helge Schneider scheiße, muß also nichts heißen.

Erkläre mir die Defizite. Ich bin aufnahmebereit.
Was den Typ 650 betrifft – das Mehl, das jenseits der Alpen (bis nach Albanien) für alle ausziehbaren Teige bevorzugt wird.
Supergeil ist überhaupt keine Werbung, sondern ein Produkt Liechtensteins viele Jahre vorher. Als Werbung genutzt, erreicht er genau das Ziel, auf das er es abgesehen hatte – den unbedarften Konsumenten.

Stichwort Rechtsstaatlichkeit. Jeder hat das Recht eine friedliche Kundgebung zu veranstalten - auch die NPD. Denn die NPD ist bislang nicht illegal, trotz diverser Versuche in der Richtung.
Auch wenns manchem nicht paßt, diese Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit haben die Grundlage für alle Entscheidungen zu sein. Und nicht die Meinung von irgendwem. Das mag zuweilen schmerzhaft sein, aber das muß die Gesellschaft aushalten.
Wie gesagt, Typ 650 hab ich noch nicht gesehen. Ich habe hier das übliche 405, dann 550 und auch noch 1050. Und dann noch Vollkorn, das hat diese Angabe nicht. Aber ich kenne auch diese Art Teig nicht, nur Mehl mit Wasser und etwas Öl. Hört sich eher nach Spachtelmasse an... :)
Punkto Liechtenstein, jeder wie er mag. Meins ist es nicht.

Wie du vielleicht mitbekommen hast, lebe ich seit vielen Jahren südlich der Karawanken. Da hier die Küche einen hohen Anteil an österreichischen und türkischen Gerichten beherbergt, stößt du in jeder besseren Mühle auf den Typ 650, der sich insbesondere für Ausziehteige eignet, wie sie auch für die Baklava oder den gefüllten Burek genutzt werden. Das mit der Spachtelmasse lasse besser keinen Alpenländler hören! :-)

Es gibt sogar zwischen Deutschland und Österreich gehörige Unterschiede zwischen den verfügbaren Mehlsorten. Einer der Hauptgründe, warum Strudelteig und auch andere Mehlspeisen - die die Deutschen in Österreich und anderen ehemaligen habsburgischen Kronländern so lieben und bewundern - in Deutschland in aller Regel nicht so grandios gelingen, ist das verkehrte deutsche Mehl, habe ich mir sagen lassen.

Und meine damalige Freundin hat das bei einem entsprechenden Versuch mit Strudelteig bestätigt. @beatminister sollte mal Mehl aus einem dieser Länder zur Hand nehmen!

Du bist meine Rettung! Ich begann bereits an mir selbst zu zweifeln – was für den unbeschwerten Tagesablauf auch nicht gerade förderlich zu sein scheint. 😊

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https://www.finis-feinstes.at/produkte/

Die zweierlei Körnungen glatt und griffig sind in Deutschland unbekannt, machen aber einen großen Unterschied!

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