Informationen zu Kalle Banich - 1. Teil

in Deutsch D-A-CH2 months ago

Abschnitte und Konserviertes aus dem Leben des Kalle Banich

Die Kindheit

Ida Banich stieß es mehr als sauer auf, als ihr ein aus früheren Episoden ihres unbestritten ereignisreichen Lebens bereits bestens bekanntes Gefühl unmissverständlich signalisierte, dass in den nächsten Monaten ein neuer Klotz am Bein stetig und unaufhaltsam in ihr heranwachsen wird.

Zum besseren Verständnis in Bezug auf den Klotz am Bein, sollte nur erwähnt werden, dass diese Umschreibung für den eigenen Nachwuchs jedem zuteilwurde, der nach einem neunmonatigen Zwischenlager in ihrem Bauch schreiend das Licht der Welt erblickte und sich nach der Entnabelung, als genau das hervortat, als was Ida Banich ihn auch treffend bezeichnet. Ein hinderlicher Klotz am Bein.

Da es im Hause Banich nach der Geburt von Kalle zu keiner weiteren Aufstockung an Holzklötzen mehr kommen sollte, wies Ida ihren Ehemann unmissverständlich an, schleunigst das alte Bett im Keller in zweierlei Hinsicht frisch zu beziehen. Die für den etwas einfältigen Gatten nicht sofort erkennbare Doppeldeutigkeit dieser Anweisung wurde Olle Banich erst richtig bewusst, als er die alte Kellertür hinter sich ins Schloss fallen hörte und seine Frau den schon längst verloren geglaubten Schlüssel ein zweites Mal umdrehte.
Dieses Geräusch der definitiven Vereinigung von Türrahmen und Türschloss eröffnete Olle Banich den Weg in eine schwere Depression. Eine andere Interpretation lässt die Situation kaum zu, da Ida ihm, gewissermaßen im Hinausgehen, noch den Ratschlag, seine Theorie bezüglich des verhütenden Geschlechtsverkehrs unter Einbeziehung des Koitus Interruptus nochmals genau zu überdenken, mit auf den Weg gab. Weitere praktische Erfahrungen in Bezug auf diese Technik könne er die nächsten fünfzehn Jahre zwischen den Einweckgläsern und dem hölzernen Sauerkrautbottich sammeln.

Wie auch nicht anders zu erwarten, tat Olle exakt das, was ihm aufgetragen wurde. Er strich täglich das grau-weiße Leinentuch glatt, klopfte den Staub aus der Schaumgummirolle, die ihm treue Dienste als Kopfkissen leistete und versuchte durch mehrmaliges Schütteln der Bettdecke den Geruch des langsam vor sich hin gärenden Weißkrautes so gut es ging, fern der in sich verklumpten Daunen zu halten.
Banich Senior, der verbannte Vater aller Klötze, ist ein Vertreter der extrem langsamen und bedächtig gestalteten Vorgehensweise durch den ohnehin viel zu hektischen Alltag. Besonnen agieren und keinen voreilig gefassten Beschlüssen hinterherhecheln – das ist und war immer sein Motto.
Angesichts dessen war es geradezu unausweichlich, dass dieser in sich ruhende Mann, in der Herausforderung des zur rapiden Aktion herausfordernden Koitus Interruptus vollkommen überfordert war.

Doch nun hatte er Zeit – sogar sehr viel Zeit. Den Teil davon, den er mit dem Glattstreichen des Lakens, dem Klopfen und Ausschütteln der Bettwäsche verbrachte, benannte er Freizeit. Den großen Rest, also die Nichtfreizeit, widmete er fast ausschließlich seiner wissenschaftlichen Abhandlung, die sich explizit mit der Unberechenbarkeit einer heraneilenden Ejakulation befasste, die sich weder durch eine antrainierte Ignoranz beeinflussen, noch durch das Querstellen eines genialen Gedankens zur Raison bringen lässt.
Hinzu kam eine Studie über das böswillige Verhalten emanzipierter Frauen, die sich konsequent der forschenden Wissenschaft körperlich verweigern und mit diesem egoistischen Verhalten ganz bewusst die Freilassung unschuldiger Versuchskaninchen und anderer seltener Nagetiere infrage stellen.
Das handgeschriebene Manuskript, fast vierhundert Seiten umfassend, verwahrte er bis zur geplanten Veröffentlichung stets unter dem schweren Holzfass mit dem gärenden Sauerkraut auf. Es mag vielleicht ein eher ungewöhnlicher Platz sein, doch im Hinblick auf eine korrekte Konservierung des Gedankengutes dann wieder auch nicht.

Leider wurde nie seiner Bitte entsprochen, einen fachspezifischen Dialog mit einem gewissen Alfred Charles Kinsey zu arrangieren, da seine Frau in jeder Art angestrebten Gedankenaustauschs den hinterlistigen Versuch witterte, Olle wolle sich den Weg aus seiner Verbannung in ihr Bett erschleichen. So sollten viele Jahre Kraut und Milchsäure die einzigen Nutznießer der aufschlussreichen Abhandlungen des Olle Banich bleiben.

Kalle Banich wurde aufgrund einer leicht verkürzten Brutzeit nach acht Monaten geboren. Obwohl die behandelnden Ärzte die werdende Mutter auf die Vorteile einer neunmonatigen Reifezeit hinwiesen, wurden die Fachidioten im weißen Kittel von Frau Banich dahin gehend aufgeklärt, wer es trotz eines hoch und heilig versprochenen Verhütung bis in ihre Gebärmutter schaffe, habe sein Anrecht auf die Vollzeitträchtigkeit verwirkt.

Da es für Ida ja nicht die erste Geburt war, bei der ihrer persönlichen Anwesenheit eine enorme Bedeutung zukam, verfügte sie über eine ausgefeilte Technik, die Kalle den Weg durch den Geburtskanal wie ein abenteuerliches Kinderspiel vorkommen ließ.
Auch was die medizinisch präferierte Ernährung ihres Letztgeborenen betraf, beschritt die »Jungmutter« ganz eigene Wege. Denn Frau Banich war viel zu stolz auf ihre noch immer gut ausgeprägten und wenig erschlafften Kurven, um Kalles Wünschen nachzugeben, stündlich nach einer ihrer Brüste zu verlangen, um sie nur wenig später ausgelaugt wie ein alter Waschlappen an sie zurückzugeben.
Ihre bis dahin gemachten Erfahrungen hatten sie vielmehr gelehrt, dass Ziegenmilch und Schweinebraten noch niemanden umgebracht haben – wenn man das Leben des Schweines vorab unberücksichtigt lässt.

So hätte man Kalles Kindheit unter der Rubrik ‘Gut genährt und wohlbehütet’ abheften können, wären da nicht noch die sechs Brüder gewesen, die in ihm ein willkommenes Objekt sahen, an dem alle aufgestauten Frustrationen des Alltags abreagiert werden konnten.
Nicht von einem einzigen Milchzahn durfte Kalle sich nach der alt hergebrachten Methode trennen, obwohl im Hause Banich kein Mangel an Zwirn und beweglichen Zimmertüren herrschte. Nein, diese dentale Feinarbeit, ein wahrer Hochgenuss im Leben eines jeden Masochisten, nahmen ihm stets seine handwerklich etwas ungeschickt agierenden Brüder ab. Als OP-Besteck diente dabei meist eine geballte Faust oder eine nicht wirklich sterile Beißzange, die zufällig zwischen dem Sperrmüll gefunden wurde, den der Nachbar unvorsichtigerweise oder einfach nur gedankenlos einen Tag zu früh vor die Tür gestellt hatte.

Kein Gegenstand war es nicht wert, bei solch diffiziler Handarbeit zum Einsatz zu kommen. Dass dabei die jungen Forscher in Sachen Dentalmedizin auch den einen oder anderen Misserfolg wegstecken mussten, darf hier nicht unerwähnt bleiben. So musste das Experiment, einen wackelnden Milchzahn durch einen gezielten Hammerschlag wieder zum Anwachsen zu bewegen, als schmerzhaft gescheitert angesehen werden. Dies durfte dann der regelmäßig herbeigerufene Kieferchirurg bestätigen, der das versenkte Objekt erst mittels einer Sonde knapp hinter dem linken Augapfel ausfindig machen konnte.

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Doch sporadisch durfte Kalle Banich auch auf die behagliche Seite des Lebens wechseln. Dies geschah vornehmlich freitags, zwischen Mitternacht und dem samstäglichen Morgengrauen. Genau diesen Zeitraum nutzten seine Brüder und schwärmten aus, um so manch guten Bekannten einen unerwarteten Besuch abzustatten, der erfahrungsgemäß erst dann als beendet galt, wenn diverse Sinnesorgane ihrer sichtlich überraschten Gastgeber als solche nicht mehr eindeutig zu erkennen waren.
In dieser Zeit musste Kalle notgedrungen die Kellerwache übernehmen. Eine zwar heikle Aufgabe, die ihm aber vom ersten Einsatz an mächtigen Spaß bereitete. Der erhöhte Spaßfaktor war der Tatsache geschuldet, dass er zum Dienstantritt unter anderem auch mit einer Schrotflinte und einer scharfen Handgranate vertraut gemacht wurde.
Diese beiden Utensilien sollten als Argumentationshilfen bei der gewissenhaften Ausführung seiner aufgetragenen Pflicht im Notfall gute Dienste leisten. Schrotflinte und Handgranate gaben dem Nesthäkchen ganz nebenbei ein Gefühl der eigenen Sicherheit seinen Brüdern gegenüber – was wohl auch nachvollziehbar ist.

Kalle erfüllte diesen Auftrag immer ohne Tadel. Lediglich ein einziges Mal reagierte er aus Sicht seiner Mutter etwas übereifrig. Tatsache jedoch war, dies ergab sich aus der subjektiven Sichtweise des diensthabenden Kellertür-Wächters, dass alle Anzeichen darauf hindeuteten, die Person, die im vor sich hin gärenden Verlies hinter oben genannter verriegelten Tür wissenschaftlich an ihre Grenzen zu gelangen versuchte, auf spektakulär hinterlistige Art und Weise ihr Brainstorming-Zentrum gewaltsam zu verlassen drohte.

Also ganz offensichtlich ein ernst zu nehmender Versuch des Eremiten, es sich nonchalant im Schlafzimmer seiner Mutter bequem zu machen. Kalle war sich zu jenem Zeitpunkt mehr als hundert Prozent sicher, für einen winzigen Moment beobachtet zu haben, wie sich nicht nur die Klinke, sondern gleich die ganze Kellertür bewegte. Doch im Moment der Anspannung und des Stresses, wenn der Normalbürger unweigerlich mit einem nervigen Fracksausen zu kämpfen hat, machte sich die hervorragende Einzelkämpfer-Ausbildung, die er unter der strengen Fuchtel seiner Brüder durchlaufen musste, sichtbar bezahlt.

Mit fast schlafwandlerischer Routine zog er den Sicherungsstift der Handgranate. Doch genau in dem Augenblick, als dieser Metallstift das explosive Teil unwiderruflich verlassen hatte, erkannte Kalle sein kleines Missgeschick. Ein einfallender Lichtstrahl reichte aus, um die Sinne des Wachhabenden zu täuschen.
Eigentlich ein amateurhafter und unentschuldbarer Fauxpas. Denn auch der letzte verzweifelte Versuch, mittels einer gezielt abgefeuerten Schrotladung das entsicherte Ei an der zerstörerischen Sprengkraft zu hindern, konnte nicht vermeiden, dass innerhalb weniger Augenblicke der bereits lang geplante, aber aus statischen und finanziellen Gründen nie vollzogene, Durchbruch zwischen Küche und Wohnzimmer rustikal geräuschvoll geschaffen wurde.

Etwaige Vorwürfe an die Adresse des jüngsten Klotzes im Hause Banich gab es trotz allem nicht, da, realistisch betrachtet, schon lange ein vernünftiger Schießstand im Haus fehlte. Noch am selben Tag wurde der neu geschaffene Raum seiner skurrilen Nutzung zugeführt. Als beliebteste Disziplin entpuppte sich das Schießen auf den laufenden Keiler.

Da aber im Hause Banich der Keiler eher nie zu einem belustigenden Stand-up auf der neuen Bühne bereit war, behalf man sich derart über die aufkommende Langeweile hinweg, dass Kalle des Nachbarn Katze an einer langen Leine vor den entsicherten Flinten der Familienmitglieder Gassi führen musste.

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Ich hoffe es gibt eine Fortsetzung in welcher der beschriebene Ödipuskomplex sich vielleicht zum Guten auflöst...😉

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Aus einem unbekannten Grund habe ich das Gefühl, als könne Kalle aus dem, ihm vorgezogenen Kreislauf ausbrechen. :-)

Love to read it, thanks for sharing.

Hihi .

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