Der Beitrag - Hätte, wäre, wenn - Die Zeitreise zu sich selbst von @kvinna über Vergangenheit, Entscheidungen und die Frage, ob man sein jüngeres Ich vor manchen Wegen bewahren würde, hat mich länger beschäftigt und einige eigene Gedanken ausgelöst.
Nicht jede Kurve war ein Umweg
Bild: @vanje
Wenn ich an mein jüngeres Ich denke, fallen mir viele Momente ein, in denen ich heute wahrscheinlich anders entscheiden würde.
Als Kind wollte ich Pilot werden. Mich faszinierten Düsenjets, Geschwindigkeit und die Technik dahinter. Ich verschlang Comics, Geschichten und alles, was mit Fliegerei zu tun hatte. Für mich war das damals Freiheit.
Später änderte sich mein Blick auf vieles. In der Zeit, als die Bundeswehr für mich real wurde, prägten Friedensbewegungen und gesellschaftliche Diskussionen mein Denken stark. Ich nahm selbst an Friedensbekundungen teil und mein Wunsch wandelte sich. Plötzlich wollte ich nicht mehr Teil von etwas sein, das im schlimmsten Fall gegen Menschen eingesetzt wird. Ich wollte helfen.
So führte mich mein Weg in die Medizintechnik. Nicht einfach nur Technik, sondern lebenserhaltende Medizintechnik. Technik bekam für mich einen anderen Sinn. Gleichzeitig erkannte ich während meiner Ausbildung aber auch, dass nahezu jede technische Entwicklung zwei Seiten hat. Dass dieselbe Technik schützen, helfen oder eben auch Schaden anrichten kann. Eine Zeit lang ging das sogar so weit, dass ich mit Computern am liebsten gar nichts mehr zu tun haben wollte. Das Negative überlagerte in meinem Kopf alles andere. Erst später verstand ich, dass Technik selbst weder gut noch böse ist. Entscheidend ist oft der Mensch dahinter und der Fokus, den man setzt.
Natürlich gab es unterwegs viele Gedanken vom Typ „Was wäre wenn“. Gerade in stressigen Phasen dachte ich manchmal, ich hätte lieber Jurist oder Steuerberater werden sollen. Alles schien dort geordneter, sicherer und klarer. Ironischerweise sitze ich heute über einer fehlerhaften Steuerabrechnung und ärgere mich über eine hohe Nachzahlung, die ich durch eigene Fehler verursacht habe.
Und trotzdem: Ich glaube nicht, dass ich meinen Weg wirklich tauschen möchte.
Nicht jede Entscheidung war klug. Manche Wege waren unnötig steinig und manche Erfahrungen hätte ich mir gerne erspart. Aber genau diese Erfahrungen haben meinen Blick auf Menschen, Verantwortung und das Leben geprägt.
Vielleicht ist Frieden mit der Vergangenheit nicht, alles gutzufinden. Denn selbst dort, wo wir heute klare Warnzeichen erkennen, waren Gefühle, Hoffnung oder Sehnsucht damals oft stärker als jede Vernunft. Vielleicht bedeutet er eher, anzuerkennen, dass selbst Umwege Teil der eigenen Geschichte geworden sind.
Die Vergangenheit war. Die Gegenwart zählt. Und vielleicht ist genau das der einzige Ort, an dem wir unserem zukünftigen Ich überhaupt noch begegnen können.
Einen Brief an mein zukünftiges Ich würde ich heute vermutlich deutlich einfacher halten als früher.
Vielleicht nur die Erinnerung, Gelegenheiten nicht ständig aufzuschieben. Mehr zu reisen. Orte zu sehen, solange sie erreichbar sind und die Welt noch offen genug dafür wirkt.
Denn je älter ich werde, desto stärker spüre ich auch, wie viel Unsicherheit inzwischen über vielen Zukunftsplänen liegt. Geopolitische Spannungen, gesellschaftliche Veränderungen und das Gefühl, dass Planungssicherheit längst nicht mehr selbstverständlich ist.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich heute manches bewusster nutze als früher. Nicht leichtsinnig, aber auch nicht mehr nur wartend auf den „perfekten Zeitpunkt“. Mit etwas mehr Achtung vor dem, was kommen könnte. Aber eben auch mit dem Wunsch, das Leben trotzdem nicht nur im Konjunktiv zu verbringen.
I sure have a few things I would've chosen differently, but all in all.. no regrets. :)
I think that’s probably one of the healthiest places to arrive at. 🙂
There will almost always be decisions we would handle differently with today’s experience and perspective. But carrying no real regret doesn’t necessarily mean everything went perfectly — maybe it just means we’ve made peace with the fact that those experiences also shaped who we became.
And honestly, I believe that’s worth a lot.
wise words. 😊
Freut mich, dass ich Dich zum nachdenken gebraucht habe und vielen Dank für die Einblicke - sehr spannend. Und es klingt als wäre dein Weg, ohne Umwege und Sackgassen verlaufen.
Ein sehr interessanter Satz.
Ist es nicht immer das Gegenwarts-Ich, das vom Zukunfts-Ich besucht wird. Während das Zukunfts-Ich, aus seiner Gegenwart in die Vergangenheit reist? Wobei dann die Gegenwart des Vergangenheits-Ichs auch zu seiner wird. - Ich glaub jetzt wird es wirre - bin müde.🙃
Ein sehr weiser Rat!
Oh doch, die gab es definitiv. Wahrscheinlich sogar mehr, als man von außen oft wahrnimmt.
Vieles entstand bei mir eher dadurch, dass ich gedanklich häufig schon mehrere Schritte weiter war und lange nicht verstanden habe, warum andere manche Zusammenhänge nicht nachvollziehen konnten. Nicht weil meine Gedanken zwangsläufig richtiger oder „reifer“ gewesen wären, sondern weil die Gedankengänge dazwischen für andere oft unsichtbar blieben.
Später hörte ich dann tatsächlich öfter Sätze wie: „Ah, jetzt verstehe ich, was Du damals meintest.“ Nur lagen bis dahin manchmal schon einige steinige Wege hinter einem und man begann irgendwann selbst an den eigenen Gedanken zu zweifeln.
Und Dein Einwand mit Gegenwarts-Ich und Zukunfts-Ich gefällt mir ehrlich gesagt gerade deshalb so gut, weil er zeigt, wie schnell man bei solchen Gedanken anfängt, Zeit und Perspektive miteinander zu verdrehen. 😄 Vielleicht ist genau das auch der Punkt: Egal aus welcher Richtung man schaut — erleben können wir das Leben immer nur in dem Moment, der gerade Gegenwart ist.
Steinig davon ging ich aus, aber du wirkst sehr besonnen und strukturiert.
Ja ich denke das ist spannend das mal wieder bewusst vor sich zu haben. Nur im Moment kann man agieren und sich dann nur zu sorgen, was sein könnte oder was falsch lief wäre wahrscheinlich auch ein Weg in eine Depression, bzw. die Schleife in der Menschen mit Depression feststecken. Sicher sollte man vorsorgen und nicht nur in den Tag hinein leben, aber auch Dinge genießen und nicht ständig aufschieben, wie Du auch geschrieben hast.
Es gibt sogar Bibelverse wo das behandelt wird z. B. Matthäus 6, 25 und die Folgenden.
Ich habe lernen dürfen, dass genau dort die Schwierigkeit liegt — die Balance zwischen Verantwortung und Leben. Vorsorgen ist wichtig, genauso wie aus Erfahrungen zu lernen. Aber wenn man nur noch damit beschäftigt ist, vergangene Fehler oder mögliche zukünftige Probleme gedanklich durchzuspielen, verliert man irgendwann den Zugang zum eigentlichen Moment.
Das ist einer der Gründe, warum Reisen für mich so wertvoll geworden sind. Unterwegs sein holt mich oft aus diesem ständigen Vorausdenken heraus und zurück in das, was gerade tatsächlich da ist.
Und ja, diese Gedanken finden sich tatsächlich an vielen Stellen wieder — nicht nur philosophisch, sondern auch spirituell oder religiös. Wahrscheinlich weil Menschen sich schon immer mit denselben Fragen beschäftigt haben: Wie viel Kontrolle haben wir wirklich und wie schafft man es trotzdem, innerlich ruhig zu bleiben.
Stimmt diese Balance ist nicht einfach zu halten. Reisen, bringt einen aus dem Trott, man ist weg und hat andere aufgaben.
Der letzte Satz ist wirklich sehr treffend!
Wenn man merkt, dass man über manches keine Kontrolle hat kann man es loslassen und gerade das könnte die Lösung/Heilung/Freiheit etc sein.
Ja, vielleicht liegt darin tatsächlich ein großer Teil von innerer Ruhe, zu erkennen, wo die eigenen Einflussmöglichkeiten enden. Ich glaube, viele erschöpfen sich irgendwann daran, permanent Dinge kontrollieren zu wollen, die sich letztlich nicht vollständig kontrollieren lassen. Und deshalb empfinde ich Reisen als befreiend. Unterwegs muss man akzeptieren, dass nicht alles perfekt planbar ist. Straßen ändern sich, Wetter kippt, Pläne verschieben sich. Man reagiert mehr auf den Moment, statt alles bis ins Letzte absichern zu können.
Edit: Und vielleicht sollte man sich öfters erinnern, dass das Leben nicht nur Kontrolle ist, sondern auch Vertrauen.
Sehr schöner und ehrlicher Beitrag. Gerade der Teil mit den „Umwegen“ hat mich nachdenklich gemacht, weil man oft erst viele Jahre später versteht, warum bestimmte Erfahrungen wichtig waren. Ich finde mich auch in dem Gedanken wieder, dass Technik selbst nicht gut oder böse ist, sondern immer davon abhängt, wie Menschen sie einsetzen. Und der letzte Abschnitt über das Reisen und das nicht ewige Warten auf den perfekten Zeitpunkt hat mich besonders abgeholt.
Vielen Dank für Deine Gedanken. Gerade dieses spätere Verstehen von Umwegen beschäftigt mich inzwischen. Während man mittendrin steckt, wirken manche Entscheidungen oder Erfahrungen eher wie Belastung oder Stillstand. Erst mit Abstand erkennt man manchmal, dass sie den eigenen Blick auf vieles verändert haben.
Und bei der Technik habe ich irgendwann verstanden, dass sie letztlich immer ein Werkzeug bleibt. Sie kann verbinden, helfen und Leben retten — oder eben das Gegenteil bewirken. Wahrscheinlich zeigt sich gerade darin, wie wichtig der Mensch dahinter bleibt.
Der Gedanke mit dem Reisen ist für mich inzwischen fast ein kleiner Gegenpol geworden. Nicht mehr alles endlos aufzuschieben, weil irgendwann vielleicht der „perfekte Zeitpunkt“ kommt. Denn je älter man wird, desto mehr merkt man, dass Sicherheit und Planbarkeit oft nur begrenzt existieren.