ÖPNV: Aufschlag für Menschen ohne Smartphone

in #deutsch9 months ago

Ich muss ja ehrlich gestehen, dass ich es kaum glauben konnte, aber im Verkehrsverbund Rhein-Sieg (also rund um Köln) ist es tatsächlich so, dass mittlerweile Menschen ohne Smartphone mehr für ein Ticket im ÖPNV bezahlen müssen als Menschen, die ein Smartphone zur Fahrt nutzen.

So kosten z.B. ein Ticket (Einzelfahrt) innerhalb Kölns für Smartphone-Benutzer 2,70 Euro, für diejenigen die ihr Ticket am Automaten ziehen aber 3 Euro.

Ein 24-Stunden-Ticket per Handy zu ziehen kostet 8,36 Euro während es am Fahrkartenautomaten 8,80 Euro kostet.

Insgesamt zieht sich dieser Unterschied durch die gesamte Preisstruktur des Verkehrsverbunds Rhein-Sieg.

Menschen, die kein Smartphone nutzen wollen oder können müssen also mehr zahlen als solche, die ein Smartphone ihr Eigen nennen.

Ist das Gerecht ? Was ist Eure Meinung ?

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Das ist die neue Welt.
Keine Ahnung ob da eine Benachteiligung oder Bevorteiligung von einer bestimmten Gruppe beabsichtigt ist. Die Absicht ist wohl Kosten zu sparen, und das ersparte an die Kunden weiter zu geben

Ja aber man grenzt m.E. damit Leute aus. Warum muss ein älterer Mensch, der sein ganzes Leben lang hart gearbeitet hat jetzt mehr für ein Ticket bezahlen weil er sich nicht mit einem Smartphone auskennt / damit nicht mehr zu Recht kommt ?

Ich finde es grundsätzlich sehr gut. Es gibt kein Recht darauf antike Technik zu nutzen. Wer heute statt mit dem Taxi mit der Pferdekutsche reisen will, wird auch ein langes Gesicht bei den Kosten ziehen. Gerade die Totalverweigerer behindern damit wichtige Entwicklungen, die uns wirklich viel Geld als Gesellschaft sparen können. Und Automaten aufzustellen, die ständig gewartet werden müssen, kaputt sind, teilweise ekelig und verwirrend ... was soll so etwas.

Aber: Es soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir gleichzeitig als Gesellschaft sicherstellen müssen, dass man bei einer ständigen Nutzung von Handys die Anwender auch in ihrer Privatsphäre schützen und dies nicht als Erlaubnis genutzt wird, dass man sie auch nun überall und ständig orten darf. Ich hielte es an dieser Stelle für wesentlich wichtiger darüber zu disktuieren als darüber, ob man neuere Technologie einsetzen sollte oder eben nicht.

Der Punkt ist m.E. ein ganz anderer:

Man grenzt m.E. damit Leute aus.

Warum muss ein älterer Mensch, der sein ganzes Leben lang hart gearbeitet hat jetzt mehr für ein Ticket bezahlen weil er sich nicht mit einem Smartphone auskennt / damit nicht mehr zu Recht kommt ?

Es muss ja kein Automat an der Haltestelle stehen. Bei mehr als 2 Millionen Arbeitslosen sowie weiteren Millionen Hartz-4-Empfängern wäre es durchaus möglich die Fahrkarten von Menschen verkaufen zu lassen.

Eine Möglichkeit wäre z.B. auch das jeweilige Bahngebiet abzusperren und an einem Zugangstor den Fahrkartenpreis zu kassieren, man könnte dann so lange fahren und müsste erst wieder bezahlen wenn man nach draußen gegangen ist.
Übrigens würde dies die Kontrollöre überflüssig machen was man wieder gegenrechnen kann und sicherlich auch für mehr Sicherheit und Sauberkeit sorgen als dies ein Fahrkartenautomat je können wird.

Wie gesagt, fragt man die Pferdekutscher, werden diese sich auch ausgegrenzt fühlen. Am Ende wird sich neuere Technologie in jedem Fall durchsetzen, wenn sie Vorteile bringt.

Tatsächlich ist diese Ausgrenzung IMHO fiktiver Natur, da diese Leute sich selbstständig ausgrenzen. Gerade wenn man nach Südostasien blickt, kann man sehr viele ältere Menschen vorfinden, die sich nicht im geringsten damit schwer tun, Dinge wie Computer und Smartphones zu nutzen.

Haben die Senioren dort irgend etwas anders gemacht als unsere Senioren hier? Ja, wir sind eine Nation von Technologiephobikern bei denen alles verteufelt wird, was es früher nicht gab. Im Kern genauso wie in Mittelalter auch schon und etwas, was ich zutiefst befremdlich finde. Die Bedingung des eigenen Handys ist am Ende auch nicht wesentlich schwieriger als die eines Automaten.

Was den Einsatz von Arbeitskräften angeht... nun fast jeder der halbwegs human bezahlt wird, würde die Kosten enorm nach oben treiben. Es stimmt, dass es gerade hierzulande nur sehr wenige unqualifizierte Arbeit gibt. Wer aber z.B. in UK unterwegs war und diese Art von Arbeit dort mal näher erlebt hat, wird sicherlich zustimmen, dass es sehr weit einer erfüllenden Arbeit entfernt ist.

Dann doch lieber mit dem Smartphone und irgendwo Arbeit für diese schaffen, wo sie wirklich benötigt wird und etwas für die Gesellschaft bringt. Tatsächlich gehöre ich sogar eher zu den Freunden eines steuerfinanzierten Modells zumindest in den Großstädten, was die ganze Diskussion ohnehin et absurdum führen würde ;)

"Was den Einsatz von Arbeitskräften angeht... nun fast jeder der halbwegs human bezahlt wird, würde die Kosten enorm nach oben treiben. "

Wirklich ?

Wir haben aktuell über 6 Millionen Arbeitslose und Hartz-4-Empfänger in Deutschland. Wenn Du da die Nettodifferenz zwischen Arbeitslohn und wegfallendem Arbeitslosengeld 1 oder 2 sowie Zusatzleistungen wir Übernahme der Miete und anderes berechnest würdest Du erstaunt sein wie wenig eine solche Arbeitskraft den Staat (denn der ist Betreiber oder zumindest Auftraggeber des ÖPNV) netto kosten würde. Ob diese Restkosten nicht dadurch ausgeglichen werden, dass man keine Kosten für Fahrkartenautomaten hat und das auch andere staatliche Stellen (Straßenreinigung, Polizei u.s.w.) entlastet werden (wo aufgepasst wird wird weniger Dreck auf die Straße geworfen und es gibt weniger Kriminalität) ?

Vielleicht aber am Wichtigsten: Man hätte für viele Menschen, gerade mit geringer Qualifikation, eine sinnvolle Beschäftigung geschaffen.

"Tatsächlich ist diese Ausgrenzung IMHO fiktiver Natur, da diese Leute sich selbstständig ausgrenzen."

Klar wir sollten nur Lemminge haben, die alles machen was alle machen. Wenn alle rund um die Uhr auf ihr Smartphone blicken kann es nicht sein, dass irgendwelche "Hinterweltler" dies nicht tun.

Weißt Du eines der besten Sprichworte, die ich kenne lautet: "Laß den Anderen anders sein" - wenn wir das alle beherzigen würden und nicht erwarten, dass jeder das macht was unseren Vorstellungen und Idealen entspricht gäbe es auf der Welt (fast) keine Konflikte und Kriege.
Aber nein man muss den anderen zwingen genauso zu sein wie man selbst und wenn der nicht von selbst hört dann eben durch Ausgrenzung oder Gewalt !

Ob diese Restkosten nicht dadurch ausgeglichen werden, dass man keine Kosten für Fahrkartenautomaten hat

Ich bin mir sehr sicher, dass auch eine Harz4-Anstellung nicht gegen einen Automaten gewinnt ;) Auch kannst Du nicht einfach Harz4 gegen Lohn rechnen. Es mag auf den ersten Blick einleuchten, aber wieso sollte jemand arbeiten gehen um am Ende nahezu das Gleiche zu kriegen für lau? Man muss da schon ein wenig Anreize darüber hinaus schaffen.

Vielleicht aber am Wichtigsten: Man hätte für viele Menschen, gerade mit geringer Qualifikation, eine sinnvolle Beschäftigung geschaffen.

Genau dies zweifel ich eben an. Diese vegetiere in einem Glaskasten mehrere Stunden vor Dir her, halte ich nicht für eine sinnvolle Beschäftigung. Wie gesagt, mache mal Urlaub in London, da wirst Du viele solcher Arbeitsplätze finden. Schranke im Industriegebiet hoch machen. Verpasse bitte nicht die Chance mit den Leuten über ihren Beruf zu reden... ;) Nein, als Gesellschaft sollte man schon Automatisierung dort machen, wo sie sinnvoll ist. Man darf es halt nur nicht verpassen neue Aufgaben dann zu schaffen. Ein Hausmeister der an der Schule mal alle paar Jahre ne Wand anstreicht oder mal ein kaputtes Fenster repariert, wäre da eine wesentlich sinnvollere Tätigkeit.

Aber nein man muss den anderen zwingen genauso zu sein wie man selbst und wenn der nicht von selbst hört dann eben durch Ausgrenzung oder Gewalt !

Tut mir leid, dass ist eine sehr böswillige Interpretation meiner Aussage auf die ich nicht näher eingehen werde. Nur weil etwas ein sinnvolles Verhalten ist, kann man nicht vom Lemmingverhalten reden. Das ist dann der berüchtigte Geisterfahrer auf der Autobahn, der sich über die ganzen Falschfahrer aufregt. Denn sollte man auch nicht anders sein lassen...

Ja ich glaube auch, dass wir die weitere Diskussion lassen - es bringt nix.

Wenn Du jemand, der kein Handy nutzen will oder kann auf eine Stufe mit einem Geisterfahrer stellst ist für mich die Diskussion beendet.

Vom Geisterfahrer geht eine sehr konkrete und reale Gefahr aus !
ich weiß nicht inwiefern Du (oder jemand anderes) gefährdet ist wenn ich ohne Handy aus dem Haus gehe !

Du legst einen wirklich die Worte falsch in den Mund. Die Amish sind auch ein Beispiel für gesellschaftliche Geisterfahrer. Natürlich geht von ihnen keine (echte) Gefahr aus. Aber sie dürfen sich halt auch dann nicht darüber beklagen, wenn sie gesellschaftlich irgendwann isoliert sind und ihre Produktivität so gering ist, dass bei ihnen nicht alle in Wohlstand leben können. Wer sich Fortschritt verweigert, darf nicht auf der anderen Seite an einer Partizipation durch eben diesen fordern. Das mag sich ungerecht anhören, ist es aber nicht...