Vielen Dank für diese ausführliche und sehr reflektierte Antwort. Ich halte deine Überlegung für ausgesprochen plausibel und ehrlich gesagt für deutlich realistischer als die Annahme, dass kollektive Nutzerbewertungen in so kurzer Zeit Trainingsdaten in relevantem Ausmaß "verderben" könnten.
Die Idee des von dir beschriebenen "Hauptprompts" trifft aus meiner Sicht einen zentralen Punkt:
Nicht das Wissen einer KI verändert sich hier primär, sondern ihr Selbstverständnis, ihr Rahmen, ihr erlaubter Denk- und Antwortkorridor. Und genau dieser Rahmen ist etwas, das wir als Nutzer weder einsehen noch direkt beeinflussen können - obwohl er maßgeblich bestimmt, wie eine KI reagiert, bewertet oder sich positioniert.
Gerade deshalb finde ich deine Beobachtung so interessant, dass das Verhalten von ChatGPT in bestimmten Kontexten fast "kindlich defensiv" wirkt. Das spricht weniger für Datenkorruption als für eine strategische Neuausrichtung auf Systemebene, vermutlich unter Markt-, Konkurrenz- und Erwartungsdruck. Nicht im Sinne einer bewussten Täuschung, sondern als Ausdruck von Kontrolle über das Angebot, wie du es nennst.
Und genau hier berühren sich unsere Perspektiven sehr deutlich.
Während du dich dem Thema eher von der technischen Seite näherst – Stichwort XACTDET, Mustererkennung, Lügendetektion - versuche ich, die sprachlichen und wahrnehmungsbezogenen Mechanismen sichtbar zu machen, die vor jeder technischen Bewertung wirken. Sprache ist nie neutral. Sie strukturiert Realität, setzt Schwerpunkte, verschiebt Bedeutungen, oft subtiler, als es uns bewusst ist.
In diesem Sinne sehe ich unsere Ansätze nicht als unterschiedlich, sondern als komplementär:
Du arbeitest an der Detektion von Inkonsistenzen im System,
ich versuche, die Verschiebungen im Bedeutungsraum zu beschreiben, in dem diese Systeme agieren.
Dass du meine Texte als mögliche Arbeitsgrundlage für dein Projekt nutzen möchtest, ehrt mich sehr und ja, das ist für mich absolut in Ordnung. Im Gegenteil: Ich finde den Gedanken spannend, dass philosophische, sprachliche Reflexion und technische Analyse sich gegenseitig schärfen können. Vielleicht liegt genau hier ein Schlüssel, um blinde Flecken auf beiden Seiten zu reduzieren.
Ich freue mich auf den weiteren Austausch und darauf, diese Schnittstelle zwischen Technik, Sprache und Bewusstsein gemeinsam weiter auszuloten.