Wie die EZB die Einführung von CBDC diskutiert

in Deutsch D-A-CH2 months ago

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In einem wissenschaftlichen Paper vom Januar 2020 erörtert Ulrich Bindseil im Auftrag der EZB die Einführung von CBDC (Central Bank Digital Currency - Digtales Zentralbankgeld). Mittlerweile ist klar, das CBDCs kommen werden. Einige Zentralbanken experimentieren damit bereits bzw. entwickeln daran. In China läuft sogar schon seit einigen Wochen ein Pilotprojekt.

Die Argumente geben offiziell nicht die Meinung der EZB wider, wie es im Paper heißt. Aber die Argumente sind dennoch von höchstem Interesse.

Ich zitiere:

A. Effiziente Massenzahlungen

CBDC bietet eine Reihe von Vorteilen in Bezug auf Komfort, Effizienz, Stabilität und Zugänglichkeit des Massenzahlungsverkehrs. Während elektronische Zahlungen mit all ihren Effizienzgewinnen schon seit einigen Jahrzehnten auf der Basis von Geschäftsbankengeld möglich sind, könnte das Angebot elektronischer Zahlungen direkt in Zentralbankgeld zusätzliche Vorteile bringen. Eine umfassende Analyse dieser Begründungen für CBDC findet sich zum Beispiel im zweiten Bericht der Sveriges Riksbank (2018) zum e-krona-Projekt. Kurz gesagt würde ein Einbruch der Bargeldnachfrage ohne CBDC bedeuten, dass die Bürger keinen Zugang mehr zur Bilanz der Zentralbank haben würden. In diesem Zustand würde das Vertrauen in die Währung vollständig vom Vertrauen in Finanzintermediäre abhängen, die kommerzielles Geld ausgeben und verwalten. Die Riksbank kommt in ihrem Bericht zu dem Schluss, dass der "vorgeschlagene Schwerpunkt dieses Programms auf der Entwicklung einer E-Krone liegen sollte, die einen im Voraus bezahlten Wert (elektronisches Geld) ohne Zinsen und mit nachvollziehbaren Transaktionen darstellt". Barontini und Holden (2019, 3-4) berichten auch über ein kürzlich von der Zentralbank von Uruguay durchgeführtes Pilotprojekt, das als das bisher fortschrittlichste und konkreteste CBDC-Experiment gelten kann und Teil eines Programms zur finanziellen Inklusion war.

Es lassen sich also eine Reihe von Argumenten unterscheiden, die für CBDC zur Unterstützung effizienter Massenzahlungen sprechen: (i) schwindende Nachfrage nach Banknoten; (ii) unzureichender Zugang relevanter Teile der Haushalte zum Geschäftsbankensystem, was sowohl in den am wenigsten entwickelten Ländern (mit einem generell unterentwickelten Bankensystem) als auch in Ländern mit einem relativ hohen Einkommensgefälle, wie den USA, vorkommen kann (siehe Rogoff, 2016); (iii) eine instabile oder übermäßig konzentrierte Infrastruktur für den Massenzahlungsverkehr. Die CBDC-Umfrage unter Zentralbanken von Barontini und Holden (2019, 8) berichtet, dass die vier beliebtesten Gründe für Zentralbanken, CBDC in Betracht zu ziehen, in dieser Reihenfolge der Wichtigkeit sind: (1) Zahlungssicherheit; (2) Zahlungseffizienz; (3) Finanzstabilität und (4) finanzielle Inklusion. Nur die finanzielle Stabilität scheint aus der Kategorie A der Argumente für CBDC herauszufallen.

B. Illegale Zahlung und Sparen von Zentralbankgeld verhindern

Dieses Argument, das eine Abschaffung oder zumindest eine starke Reduzierung der Rolle von Banknoten unterstellt, wird am ausführlichsten z.B. von Rogoff (2016) entwickelt. Offensichtlich würde diese Motivation von CBDC nicht gelten, wenn CBDC auch bei hohen Beträgen als anonymes Token-Geld zirkuliert. Einige, wie Häring (2018), die sich stark mit der Privatsphäre von Zahlungen beschäftigen und befürchten, dass Internethändler und staatliche Behörden Zahlungsdaten nutzen, um letztlich die Freiheit der Bürger einzuschränken, werden diesem spezifischen Argument für CBDC nicht zustimmen.

C.1 Erlaubt die Überwindung der ZLB (Nullzinsschranke), da man CBDC Negativzinsen auferlegen kann

Zum Beispiel argumentieren Dyson und Hodgson (2016), dass "wenn digitales Bargeld verwendet wird, um physisches Bargeld vollständig zu ersetzen, dies erlauben würde, die Zinssätze unter die Null-Linie zu drücken." Rogoff (2016) entwickelt dieses Argument im Detail. Durch die Möglichkeit, die Nullzinsschranke ("ZLB") zu überwinden und damit die Negativzinspolitik ("NIRP") von ihren derzeitigen Beschränkungen zu befreien, würde eine Welt mit ausschließlich digitalem Zentralbankgeld - dieser Ansicht nach - starke monetäre Stimuli in einer scharfen Rezession und/oder Finanzkrise ermöglichen. Dadurch könnten nicht nur Rezession, Arbeitslosigkeit und/oder Deflation vermieden werden, sondern auch die Notwendigkeit, auf nicht standardisierte geldpolitische Maßnahmen zurückgreifen zu müssen, die mehr negative Nebeneffekte haben als NIRP. Gegner der NIRP werden dieses Argument zugunsten der CBDC natürlich nicht gelten lassen und sehen in der CBDC daher möglicherweise ein Instrument zur Überwindung der bisherigen Grenzen der "finanziellen Repression" und "Enteignung" der Sparer

C.2 Zinsen auf CBDC bieten ein zusätzliches geldpolitisches Instrument

Eine Reihe von Autoren hat argumentiert, dass CBDC das Spektrum der geldpolitischen Optionen erweitert, im Wesentlichen weil variable Zinsen auf CBDC ein neues, nicht redundantes geldpolitisches Instrument bereitstellen würden, mit dem die Wirksamkeit der Geldpolitik insgesamt verbessert werden könnte. Diese Idee wird von Barrdear und Kumhof (2016, 3) weiterentwickelt, die feststellen, dass "ein CBDC-Regime zur Stabilisierung des Konjunkturzyklus beitragen kann, indem es den politischen Entscheidungsträgern Zugang zu einem zweiten politischen Instrument verschafft, das entweder die Menge oder den Preis von CBDC auf antizyklische Weise steuert. Dieses zweite Politikinstrument wird besonders wirksam als Reaktion auf Schocks der privaten Geldnachfrage und der privaten Geldschöpfung..." Auch Meaning et al. (2017) analysieren, wie CBDC das geldpolitische Instrumentarium bereichern könnte und wie es sich auf den Transmissionsmechanismus auswirken würde, und kommen zu dem Schluss, dass dies alles von den Details der Ausgestaltung von CBDC abhängt. Schließlich argumentieren Berentsen und Schär (2018, 102), dass Zinsen auf CBDC die Geldpolitik vereinfachen würden, da die "Zentralbank einfach den Zinssatz, der auf diese Konten gezahlt wird, als ihr wichtigstes geldpolitisches Instrument verwenden würde". Mancini-Griffoli et al. (2018, 25) vertreten die Ansicht, dass CBDC die Hauptkanäle der geldpolitischen Transmission kaum beeinflussen dürfte, was auch die hier getroffene Annahme ist.

C.3 Leichtere Fähigkeit, Helikoptergeld bereitzustellen

Wiederum argumentieren z.B. Dyson und Hodgson (2016), dass "digitales Bargeld als Instrument zur Steigerung der Gesamtnachfrage eingesetzt werden kann, indem es 'Helikopterabwürfe' von neu geschaffenem digitalem Bargeld an alle Bürger vornimmt, wodurch es einfacher wird, das geldpolitische Ziel der Preisstabilität der Bank of England zu erreichen." Offensichtlich wird die Relevanz dieses Arguments nur von Befürwortern des Helikoptergeldes geteilt. Außerdem könnte man argumentieren, dass es ein relativ schwaches Argument ist, da es nur die Verteilung von Helikoptergeld erleichtert (aber keine Voraussetzung dafür ist).

D.1 Verbesserung der Finanzstabilität und Reduzierung des Moral Hazard durch Verkleinerung der Banken

Die Argumente D1 und D2 für CBDC beziehen sich auf die Vision, dass CBDC ein Werkzeug ist, um die Idee des "souveränen Geldes", d.h. ein Geldsystem, in dem Banken keine Sichteinlagen und damit Zahlungsmittel mehr "schaffen" würden, realisierbar zu machen (Benes und Kumhof, 2012, Häring, 2018, 214-223, Mayer und Huber, 2014). Dyson und Hodgson (2016) sind zum Beispiel der Ansicht, dass CBDC "das Finanzsystem sicherer machen kann: Indem Privatpersonen, Unternehmen des privaten Sektors und Finanzinstitute außerhalb des Bankensektors die Möglichkeit erhalten, direkt in Zentralbankgeld (statt in Bankeinlagen) abzurechnen, wird die Konzentration von Liquiditäts- und Kreditrisiken in den Zahlungssystemen deutlich reduziert. Dies wiederum verringert die systemische Bedeutung von Großbanken und reduziert damit die negativen externen Effekte, die die finanzielle Instabilität von Banken auf die Gesellschaft hat. Darüber hinaus reduziert eine Verlagerung von Bankeinlagen zu digitalem Bargeld durch die Bereitstellung einer wirklich risikofreien Alternative zu Bankeinlagen die Notwendigkeit staatlicher Garantien für Einlagen und beseitigt damit eine Quelle des Moral Hazard im Finanzsystem." Huber (1999, 5-6), einer der wichtigsten deutschen Befürworter des "souveränen Geldes", fasst den Vorschlag des souveränen Geldes wie folgt zusammen:

"Der Vorschlag des souveränen Geldes lautet: Geben Sie der Zentralbank die uneingeschränkte Kontrolle über die gesamte Geldmenge auf der Rechtsgrundlage eines allgemeinen Vorrechts der Geldschöpfung. Mit anderen Worten: Lassen Sie die gesamte Geldbasis - sowohl Bargeld als auch unbares Geld - ausschließlich von der Zentralbank emittieren. Dies impliziert die Abschaffung der Fähigkeit des Bankensektors, bargeldloses Geld in Form von Sichteinlagen zu schaffen. Heute gibt es eine Mischform, die sich aus einer Geldart, die von der Zentralbank geschaffen wird, und einer anderen Geldart (Sichteinlagen), die von den Banken geschaffen wird, zusammensetzt. Souveränes Geld impliziert immer noch ein zweistufiges Bankensystem, aber es bedeutet nicht mehr, eine Mischform zu haben, sondern nur noch eine Art von Geld aus einer einzigen Quelle, die einfach zu verstehen, zu handhaben und zu kontrollieren ist. Souveränes Geld erfordert keine besonderen Veränderungen der institutionellen und Marktstrukturen. Die Banken wären lediglich Kreditvermittler und nicht mehr Kreditproduzenten. Sie würden die heutige Seignorage, den Extragewinn aus der Schöpfung von unbarem Geld, verlieren. Davon abgesehen bliebe die normale Profitabilität des Bankgeschäfts unangetastet. Die Banken könnten ohne Einschränkungen weiterhin jede Art von Geschäft betreiben, die sie heute machen, ...."

D.2 Seigniorage-Einnahmen, die an den Staat (und die Bürger) zurückfließen

Befürworter von staatlichem Geld haben argumentiert, dass CBDC einen Teil der Seigniorage zurückgewinnen kann, auch wenn das physische Bargeld reduziert wird. Mayer und Huber (2014) heben die angenommenen fiskalischen Vorteile von Staatsgeld besonders hervor. Sie schätzen, dass z.B. im Euroraum die jährlichen staatlichen Mehreinnahmen in der Größenordnung von mehr als 100 Mrd. EUR liegen würden (unter der Annahme eines Zinsniveaus von vor 2008). Offensichtlich ist dieses Argument angesichts des aktuell niedrigen Zinsniveaus und der in den Zinskurven eingepreisten Aussichten auf künftige Zinssätze vorerst eher irrelevant geworden.

Insgesamt kann man aus der Durchsicht der Argumente für CBDC schließen, dass die Vorzüge von CBDC des Typs A, d.h. Beitrag zu einem effizienten, widerstandsfähigen, zugänglichen und anfechtbaren Zahlungssystem, relativ unumstritten zu sein scheinen, ohne dass dies per se ausreicht, um CBDC zu rechtfertigen. Argument B ist umstrittener, aber diese Kontroverse scheint außerhalb des Bereichs der Effizienz des Zahlungssystems, der Geld- und Finanzstabilität zu liegen. Argument C1 wird von monetären Ökonomen, die NIRP unterstützen, geteilt, aber von denen, die NIRP als eine Form der finanziellen Repression betrachten, abgelehnt. Die Argumente C2 und C3 werden wahrscheinlich von der Mehrheit der Geldökonomen abgelehnt. Schließlich sind auch die Staatsgeld-Argumente (D) insgesamt umstritten, und auch hier wird die Mehrheit der Geldökonomen sie wahrscheinlich ablehnen. Darüber hinaus wird, wie in den Abschnitten 3 und 4 erörtert wird, die Disintermediation des Bankensystems als einer der größten Nachteile und Risiken von CBDC angesehen.

Um also das offensichtlichere, bescheidene Argument für CBDC zu isolieren, das wahrscheinlich von den meisten Ökonomen geteilt wird, nämlich, dass sie als effizientes Massenzahlungsmittel dienen könnte (Argument A), von der wahrgenommenen Gefahr zu trennen, dass CBDC unbeabsichtigt zu einem Staatsgeld-Finanzsystem führt (da es die relative Attraktivität von Zentralbankgeld gegenüber Bankeinlagen so sehr steigern würde), scheint es unerlässlich zu sein, die Ausgabe von CBDC so zu steuern, dass sie der Effizienz des Massenzahlungsverkehrs dient, ohne notwendigerweise die Geldordnung in Frage zu stellen, indem CBDC zu einer wichtigen Form der Wertaufbewahrung wird. In diesem Beitrag wird argumentiert, dass eine solche Steuerung machbar ist, und zwar mit weniger grundlegenden Veränderungen, als sie z. B. im Vorschlag von Kumhof und None (2018) enthalten sind. Das bewährte Instrument der gestaffelten Vergütung scheint ein Weg zu sein, um sicherzustellen, dass das Volumen von CBDC gut gesteuert wird. Ein auf den Euroraum abgestimmtes System von Finanzkonten wird die Mechanik und die Implikationen von CBDC veranschaulichen und die Darstellung von Geldflussimplikationen ermöglichen.

Quelle: https://www.ecb.europa.eu/pub/pdf/scpwps/ecb.wp2351~c8c18bbd60.en.pdf

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Ja ja die Zentralbank, Ursache und Problem in einer Institution vereint. Was lege da nicht näher als ihr noch mehr Macht zu geben? Damit sie Arm in Arm mit den Staaten den Totentanz unseres gescheiterten Systems noch ein letztes Mal verlängern können. Ich sehe es schon von mir, ein System vollkommener Tyrannei. Zahlen am Computer eingegeben wie es gerade passt, dahinter steht nichts, nur die repressive Staatsmacht die einen zwingt das und nicht anderes zu benutzen. Jede Transaktion Sichtbar, das Paradies der Allesbesteuerung garniert mit finanzieller Repression für alle die aus der Reihe tanzen. Ein Glück gibt es Bitcoin und Co. Die können ihr totes Pferd gar nicht so schnell satteln wie die Entwicklung bereits an ihnen vorbeifliegt.

Bis ein digitaler Euro kommt, wird der Markt längst verteilt sein. Egal ob Dien oder ein anderer, die Menschen werden in naher Zukunft einen digitalen Euro aus der Privatwirtschaft haben und damit über WhatsApp & Co ihren Zahlungsverkehr abwickelnd. Nachteile hin oder her die Menschen sind einfach zu bequem.

Bis Lagarde mal entschieden hat was sie denn letztlich wollen ist der Euro längst in einer Hyperinflation

Warum bin ich überrascht, dass eigentlich alle Teile positiv klingen?

Bin gespannt welche Gefahren/Nachteile man verhindern müsste.
Ein Gegenargument ist vermutlich, dass der Staat/die Zentralbank noch mehr direkten Einfluss hätte, aber das kann man ja durchaus auch positiv sehen.