Moin,
prima, ich habe nichts gegen diesen Austausch und begrüße die Debatte. Bin aber etwas irritiert davon, dass du meine Fragen als "zu viel" einstufst .... ?
Bei allem bitte ich, nicht zu vergessen, dass meine Ausgangsposition für den obigen Artikel eine Mono-Kausalität von "Krankheit" kritisiert. Ich habe mal den Ausspruch gehört: "Das Virus ist nichts, das Milieu alles".
Weil das eine lange Antwort ist, mache ich auch mal Überschriften
Psychologische Dimension
Du kommst aus einer Disziplin (Psychologie), die aus wissenschaftlicher Sicht sehr unexakt ist. Das ist bitte keine Kritik, es liegt einfach in ihrem Wesen, geht nicht anders. Vor allem in der therapeutischen Anwendung, wo das Ganze noch einmal auf ein Individuum runtergebrochen werden muss, auf dessen Ebene statistisch erfasste Daten natürlich oft irrelevant sind, ist es daher nicht nur berechtigt, sondern mMn absolut notwendig, nicht reduktionistisch vorzugehen, sondern einen "systemischen" Ansatz zu verfolgen.
Du kannst diese Vorgehensweise aber nicht einfach auf wesentlich exaktere Disziplinen, wie z.B. die Molekularbiologie übertragen.
Es ist richtig, wer zu mir kommt, den betrachte ich immer als Einzelfall. Danke für diese Formulierung, das ist ein sehr guter Hinweis.
Wenn du zum Arzt gehst, willst du als statistische Wahrscheinlichkeit behandelt werden oder als jemand mit einer einzigartigen Physiognomie und Mentalität? Das statistische Mittel ist eine Orientierung, ich sehe sie als sekundär an, der einzelne Fall ist besonders, das sehe ich als primär an.
Was geschähe, wenn ich ein Arzt wäre, der es in der Behandlung für dich umgekehrt machen würde? Liefe ich nicht Gefahr, die Symptome und die daraus ableitenden Diagnosen aufgrund der statistischen Wahrscheinlichkeiten vorschnell anzunehmen und zu testen? In modernen Gesellschaften wie unseren gibt es eine klare Tendenz zur Über-Medikation und zum Aktionismus durch vorhandene Diagnostiken und Geräte. Was man als Gerät und Diagnostik-Methode hat, wird dann eben auch benutzt.
So gesehen steigt die Wahrscheinlichkeit, etwas zu finden und eine Behandlung einzuleiten, obwohl der Mensch möglicherweise z. B. weniger Medikamente gebraucht hätte, dafür aber mehr Schlaf, Bewegung oder eine andere Ernährung.
Wirtschaftliche Dimension
Ich weiß nicht, wie oft du selbst im Krankenhaus oder verschiedenen Arzt-Praxen warst oder ältere Angehörige begleitet hast. Du wirst bombardiert mit Diagnostik-Verfahren und im Grunde jede Praxis will die Gerätschaften zum Einsatz bringen, weil sie in der Anschaffung erstens sehr teuer sind und zweitens dadurch jeden Patienten zur abrechenbaren Einheit machen. Die Medizingeräte-Hersteller Industrie boomt. Es gibt zich andere Bereiche in der Medizin, die sich die Märkte erschließen. Da ist ein kritischer Blick in die eigene Praxis als Arzt oder in einer anderen Disziplin durchaus angebracht. Nur weil alle es machen, heißt das für mich nicht automatisch, dass dieses unkritisch wäre.
Der Chirurg will operieren
Der Genetiker will sequenzieren
Der Virologe will impfen
Der Physiker spalten
Der Chemiker mischen
Der Psychologe will therapieren
etc. etc. - ich hab das mal bewusst platt formuliert. Wird mein Gedankengang für dich deutlich?
Wirtschaftliche & psychologische Dimension im Mix
Jeder hat ein eigenes Interesse und denkt, was er macht, ist gut für die Menschen. Dabei kann man voneinander lernen. Die "Abhängigkeit" von Therapie ist bekannt, sei es in psychologischer oder medikamentöser Sicht.
Wenn ich als systemische Beraterin meinen kritischen Blick für meine eigene Arbeit verlöre, dann würde ich viel dafür tun, mir meine Klienten zu erhalten, so, dass sie immer wieder zu mir kommen, damit ich
- genügend abrechenbare Stunden sicher habe
- mich als wertvoller und hilfreicher Mensch zu sehen (Sinnfrage)
Das "Helfersyndrom" und ich würde auch sagen, dass "Rettersyndrom" haben aber nicht nur Sozialarbeiter und Psychologen/Therapeuten, das haben alle anderen Menschen in allen anderen Berufsgruppen auch.
Würde ich mich auf die Methoden und Mittel der etablierten wissenschaftlichen Erkenntnisse allein stützen und nicht bei jedem einzelnen Klienten erneut überprüfen, ob hier Wahrscheinlichkeit und Einzigartigkeit nicht auseinander gehen, würde ich einen schlechten Job machen. Umso mehr würde ich das von einem Mediziner erwarten, der sich, wie du sagst, auf statistisch genauere Daten stützt und dadurch aus meiner Sicht sehr viel schneller eine Annahme zu treffen bereit wäre, weil ihm hier eine Sicherheit suggeriert wird. Es entbindet aber dennoch niemanden von seiner Sorgfalt, gerade dann auf das Einzelne und Besondere, das Abweichende zu schauen.
Das wird aber in unserem Medizinalbetrieb nicht gemacht. Kann gar nicht. Man hat nicht die Zeit.
Manche Leute kannst du trotzdem einfach nach Hause schicken, in dem du ihnen sagst: "Es ist alles in Ordnung mit Ihnen. Schlafen Sie sich aus, essen Sie gut, machen sie genügend Spaziergänge und lieben Sie Ihre Nächsten. Guten Tag."
Haste natürlich nix verdient:)
Noch mal auf Viren geschaut
Zu meinem Satz:
dass Lebewesen ohne die Viren (und da beziehe ich Bakterien mit ein) nicht existieren würden
Dieser Satz ist EINE Annahme, richtig. Aber nicht 4 fehlerhafte Annahmen, die ich tätigte, diese hast du interpretiert anstatt mich zu fragen, wie ich das gemeint haben könnte.
Aber zunächst:
a) Bakterien und Viren sind nicht einmal ansatzweise dasselbe.
akzeptiert. Das gehört für mich zum Allgemeinwissen.
b) Wir leben in Symbiose mit Bakterien (und Pilzen), v.a. im Darm und auf der Haut gibt es für uns äußerst wichtige Kulturen.
akzeptiert.
c) Wir leben zwar in Symbiose mit einigen Bakterien, aber daraus kann man nicht schließen, dass wir mit allen Bakterien in Symbiose leben.
akzeptiert. Den Schluss "alle" habe ich nicht gemacht. Da bin ich jetzt pingelig, ich habe ganz bewusst "die" geschrieben und nicht "alle". Das wäre ja recht einseitig. So eine Sicht würde ich nicht vertreten, das ist mir zu simpel.
d) Sogar die Bakterien, mit denen wir symbiontisch verbunden sind, werden von unserem Körper nur in bestimmten Bereichen toleriert. Kommen Darmbakterien z.B. über eine Wundinfektion in den Blutkreislauf, sind sie für uns gefährlich, und der Körper reagiert mit einer extremen Immunantwort, die bis zum septischen Schock gehen kann.
akzeptiert.
Bei deinen folgenden Aussagen gehe ich nicht mit:
Ein Bakterium lebt. Ein Virus erfüllt die einfachste Definition des Lebens nicht: Er kann sich nicht vermehren. Ein Virus ist im prinzip totes Material, das - wenn es in eine Wirtszelle gelangt - von dieser fälschlicherweise reproduziert wird.
Ich denke, welches Phänomen oder Objekt du auch in dieser Welt antriffst, so hat es stets Bedeutung, denn warum sollte überhaupt etwas auftreten, wenn es nicht in seiner Wirkung eine (unbewusste) Absicht trüge, nämlich, die Absicht zu leben. Alle Lebewesen dieses Planeten haben ein Ziel: zu existieren und sich am Leben zu erhalten bzw. ihre Art. Wir und alle anderen Existenzen wären schön blöd, um es mal salopp zu sagen, wenn wir es nicht schafften, die größtmögliche Kooperation miteinander zuwege zu bringen und dort, wo Kooperation und Ko-Existenz fehlschlägt, es mit Offenheit zu betrachten.
Das Fehlschlagen, das ist für mich die Schnittstelle, wo das Virus seinen Wirt versehentlich umbringt, von dem es prinzipiell nichts wissen kann, außer, dass er sich als Fortpflanzungsort eignet (wie krank der Wirt dann ist, ob alt oder jung, schwarz oder gelb oder weiß, das weiß das Virus nicht).
So gesehen betrachte ich ein Virus als Lebewesen, denn wenn das Ziel die Reproduktion ist – und das scheint offensichtlich – dann gehört das Virus für mich zu den Lebenden, und da es nicht über eine eigene Gebärfunktion verfügt, sucht es sich eine geeignete Umgebung.
Viren haben für uns genau überhaupt keinen Nutzen. Daher werden sie von unserem Immunsystem auch ausnahmslos bekämpft.
Du hältst sie in Summe alle für feindlich, wenn ich dich richtig verstehe? Das stelle ich in Frage und halte es im Gegenteil für eine interessante Forschungsfrage, deren Ergebnis ich nicht als geschlossen, sondern als offen betrachte.
In der Evolution weit zurück geschaut:
Darüber hinaus: wenn du statt den direkten Weg eine Schleife gehst: Was könnte durch das Aktivwerden des Immunsystems auf immer wieder neue spezielle Erreger gesamt-evolutionär geschehen sein? Hat im Ur-Stadium das Virus immer wieder seine Wirte befallen und sie getötet? Wie oft hat daher der Wirt sein Immunsystem aufgrund dieser Angriffe immer wieder neu "justiert", verbessert, verfeinert? Und ohne diese Angriffe, wie hätte sich die urzeitliche Entwicklung von Lebewesen voranbringen können? Wenn Bakterien allein als als Immun-Aktivierer ausreichten, würden wir dann nicht nur Bakterien haben, aber nicht auch noch zusätzlich Viren?
Mich interessiert die Frage: Wenn Viren existieren, weshalb existieren sie? Wenn sie auf diesem Planeten eine möglicherweise ebenso lange Geschichte wie die Bakterien haben, wundert es mich irritierend häufig, dass sie ausschließlich als feindlich gelten sollen – wundert dich das überhaupt nicht?
Könnten Viren - wie oben argumentiert - eine nützliche Funktion haben und werden sie nur deshalb als ausschließlich feindlich gesehen, weil noch keiner ihre nützliche Funktion untersucht oder angenommen haben könnte? In welchen größeren Kontext könnte so eine Forschung eingebunden werden?
Eine psychologisch orientierte Frage zum Schluss:
Kann es sein, dass wir eine gewisse mentale Einseitigkeit entwickelt haben, bei unserem "Kampf gegen Feinde" und dieses solche Blüten wie "Ausrottung von Krankheit", und so weiter treibt? Die ich als problematisch einstufe. Kannst du mitgehen, dass wir Krankheit nicht ausrotten werden, weil durch die sich stets verändernde Welt, die Bedingungen immer wieder etwas geschieht, das man nicht beeinflussen noch vorhersagen kann? Eine gewisse fehlende Akzeptanz dem Sterben gegenüber ist eindeutig in modernen Zivilisationen festzustellen. Der Tod selbst ist ein Feind geworden. Steuern wir auf eine Null-Toleranz zu?
Grüße an dich.