Sorry dass ich so lange für die Antwort gebraucht habe, ich bin gerade etwas im Berufsstress. Ich denke du hast einiges, was ich geschrieben habe, wesentlich persönlicher und härter aufgenommen, als es gedacht war - das mag durchaus auch an meiner Art liegen, Dinge relativ scharf zu formulieren, sorry wenn dir der Tonfall unangemessen aggressiv vorkam - das war nicht meine Intention.
Du stellst zu viele Frage auf einmal, als dass ich sinnvoll auf alles antworten könnte, daher versuche ich, mich auf das zu konzentrieren, was meiner Meinung nach essentiell ist.
1. Das Missverständis der interdisziplinären Extrapolation von Sichtweisen
Du kommst aus einer Disziplin (Psychologie), die aus wissenschaftlicher Sicht sehr unexakt ist. Das ist bitte keine Kritik, es liegt einfach in ihrem Wesen, geht nicht anders. Vor allem in der therapeutischen Anwendung, wo das Ganze noch einmal auf ein Individuum runtergebrochen werden muss, auf dessen Ebene statistisch erfasste Daten natürlich oft irrelevant sind, ist es daher nicht nur berechtigt, sondern mMn absolut notwendig, nicht reduktionistisch vorzugehen, sondern einen "systemischen" Ansatz zu verfolgen.
Du kannst diese Vorgehensweise aber nicht einfach auf wesentlich exaktere Disziplinen, wie z.B. die Molekularbiologie übertragen. Wir wissen eben sehr gut über die Beschaffenheit von Viren Bescheid, wir haben extrem sensitive Methoden, um sie zu charakterisieren. Das Wissen ist daher mit extrem hohen Wahrscheinlichkeiten gesichtert, und darum sind "alternative Erklärungsmuster" im wissenschaftlichen Sinn nicht gleichwertig. Damit meine ich eben nicht (und ich denke das hast du falsch verstanden), dass die Meinung von Leuten nicht gleichwertig ist. Sondern, dass man, wenn man denn auf die Suche nach der "Wahrheit" geht, die hohe Wahrscheinlichkeit der Richtigkeit der molekularbiologischen Erkenntnisse anerkennen und entsprechend gewichten muss. 5G habe ich in dem Zusammenhang übrigens nur als Beispiel dafür genannt, in welche Richtungen man sich verrennen kann, wenn man das nicht so macht. Lies meinen Text noch einmal und du wirst erkennen, dass ich in keinster Weise geschrieben habe, dass du ein Anhänger dieser Theorie bist.
2. Dein eigener, aus Unwissenheit enspringender, Reduktionismus.
Ich beziehe mich jetzt auf deine Aussage:
stimmst du mir zu, dass ich sage, dass Lebewesen ohne die Viren (und da beziehe ich Bakterien mit ein) nicht existieren würden?
Dieser Satz - und das muss ich dir leider so sagen - offenbart einen Mangel an biologischem Wissen, der prinzipiell natürlich absolut ok ist (du bist keine Biologin), der aber zum Problem wird, wenn man sich mit einem biologischen Thema beschäftigt. Deine Annahme beruht auf mindestens 4 Fehlern:
a) Bakterien und Viren sind nicht einmal ansatzweise dasselbe. Der Mensch ist näher mit einem Kaktus verwandt als ein Bakterium mit einem Virus. Ein Bakterium lebt. Ein Virus erfüllt die einfachste Definition des Lebens nicht: Er kann sich nicht vermehren. Ein Virus ist im prinzip totes Material, das - wenn es in eine Wirtszelle gelangt - von dieser fälschlicherweise reproduziert wird.
b) Wir leben in Symbiose mit Bakterien (und Pilzen), v.a. im Darm und auf der Haut gibt es für uns äußerst wichtige Kulturen. Wir leben NICHT in Symbiose mit Viren. Viren haben für uns genau überhaupt keinen Nutzen. Daher werden sie von unserem Immunsystem auch ausnahmslos bekämpft.
c) Wir leben zwar in Symbiose mit einigen Bakterien, aber daraus kann man nicht schließen, dass wir mit allen Bakterien in Symbiose leben. Ein veranschaulichendes Beispiel: Nur weil ein Landwirt Kühe hält, heißt das noch nicht, dass alle Säugetiere Nutztiere sind. Aus nachvollziehbaren Gründen kenne ich keinen Bauern, der sich sibirische Tiger für die Milchproduktion züchtet.
d) Sogar die Bakterien, mit denen wir symbiontisch verbunden sind, werden von unserem Körper nur in bestimmten Bereichen toleriert. Kommen Darmbakterien z.B. über eine Wundinfektion in den Blutkreislauf, sind sie für uns gefährlich, und der Körper reagiert mit einer extremen Immunantwort, die bis zum septischen Schock gehen kann.
Dein Schluss, alle Viren und Bakterien seien für unsere Existenz notwendig, beruht also auf reduktionistischen Missverständnissen. Richtig würde es heißen: Einige Bakterien (aber keine Viren!) sind - solange sich ihre Besiedelung auf die vorgesehenen Bereiche beschränkt, notwendig. Andere wieder nicht.
3. zulässige Kritik
Bist du der Ansicht, dass man die Maßnahmen ausschließlich und allein mittels wissenschaftlicher Argumentation kritisieren darf? Dass also alle Menschen, die keine Wissenschaftler sind, keine Berechtigung und über keine eigene Logik und Lebens- sowie Berufserfahrung verfügen, die sie in den berechtigten Stand setzen, ihre Kritik öffentlich zu formulieren?
Das, was du hier implizierst, habe ich niemals geschrieben. Ich habe sogar explizit erwähnt, dass ich Kritik an den Maßnahmen teilweise für inhaltlich richtig halte. Und selbstverständlich ist die zulässig, und zwar jederzeit und von jedermann, und zwar auch dann, wenn ich sie für falsch halten würde.
Du kritisierst ja aber nicht die Maßnahmen, sondern stellst die Wissenschaftlichkeit ihrer Grundlagen in Frage. Und um die beurteilen zu können, sollte man tatsächlich ein grundsätzliches Wissen über die Materie besitzen. Ich sage nicht, dass du dich nicht trotzdem äußern darfst - natürlich darfst du, das sollte ich nicht schreiben müssen. Aber du wirst halt fundierten Widerspruch ernten, weil du durch das teilweise Fehlen dieses grundsätzliches Wissens offensichtliche Fehler in deiner Argumentation machst. Und auf solche werde ich auch weiterhin hinweisen, denn wie du selbst schreibst:
Sich zu widersprechen, das ist hoffentlich nichts, was nicht mehr zum guten Ton gehören darf.
4. Zu guter Letzt:
Hältst du die Art, wie ich meine Gedanken und Fragen formuliere, in irgend einer Weise für berechtigt und geeignet, um Perspektiven zu öffnen?
Ja klar. Aber vielleicht anders, als es deine Intention war. Ich habe über deinen Text nachgedacht, versucht deine Sichtweise zu verstehen, habe sie als fehlerhaft empfunden und dann eine Antwort formuliert.
LG aus Wien